Ahuakulla

XtraDer Kaktus der tausend Farben

Ein San-Pedro-Kaktus blüht auf der kanarischen Insel La Gomera. Foto: RL

Text: Kajuyali Tsamani

Für Christian Rätsch – unserem entheogenen Gelächter zu Ehren

Ahuakulla ist die älteste heilige Pflanze der Anden, des heiligen Gebirges von Südamerika. Es ist eine weibliche Pflanze, so beschreibt es der Name in der Quechua-Sprache, der sich aus zwei Begriffen zusammensetzt: Ahua ist der heilige Name des Guacamayo (1) (Ara chloroptera, Fam. Psittacidae). Seine Federn sind grün, gelb, rot und blau gefärbt, wie der Federschmuck, den der Schamane trägt, um die Pracht der Farben bei der entheogenen Zeremonie hervorzurufen. Kulla ist der heilige Name der Weiblichkeit und bezieht sich auf die Frau und die schamanische Weiblichkeit.

Der botanische Name dieser Pflanze ist Trichocereus pachanoi, ein großer Kaktus, der höher als 10 Meter werden kann. Wenn er nach sieben Jahren seine volle Reife erreicht, blüht er im Frühling um Mitternacht, zum geeignetsten Zeitpunkt, um ihn rituell zu verzehren. Sein natürlicher Lebensraum in Südamerika reicht vom Meeresspiegel bis zu den kalten Gipfeln der Anden. Sein Hauptwirkstoff ist das Meskalin (Trimethoxyphenethylamin), das wie beim Peyote (Lophophora williamsii) die biochemische Quelle ist, welche bei den schamanistischen Ritualen die entheogenen Erfahrungen hervorruft.

In den Mestizen-Traditionen, die durch das Christentum kolonisiert wurden, nannte man ihn San Pedro; denn ebenso, wie diese Figur aus derjüdisch-christlichen Tradition die Schlüssel besitzt, um die Tore zum Himmel zu öffnen, vermag dieser Kaktus die Pforten zur Erweiterung des Bewusstseins zu öffnen. Doch der männliche Name dieses biblischen Charakters steht im Widerspruch zur heiligen weiblichen Eigenschaft dieser Pflanze und ihrer weiblichen schamanischen Kräfte. Dieser Name und der religiöse Synkretismus um die Pflanze führten auch dazu, dass in den schamanischen Mestizo-Traditionen der Anden die mythischen Überlieferungen zu dieser heiligen Pflanze verloren gingen und die Mythologie vom heiligen Kaktus als Träger der Schlüssel zum christlichen Himmel aufkam. Archäologische Überreste aus der Vor-Inka-Zeit zeugen von einem sehr alten schamanischen Gebrauch.

In seinem Buch Magier der vier Winde (1978) schreibt Douglas Sharon: «Die älteste Darstellung des San Pedro befindet sich auf einem Steinblock, der vor Kurzem auf einem kreisförmigen Platz im Hof des alten Tempels von Chavín de Huantar im nördlichen Hochland ausgegraben wurde. Diese Darstellung ist als Basrelief eingraviert und zeigt eine Seitenansicht der Hauptgottheit von Chavín: ein mythologisches menschenähnliches Wesen mit schlangenartigen Haaren, Zähnen, einem Gürtel mit einer zweiköpfigen Schlange und Adlerklauen. In der verlängerten rechten Hand hält die Figur einen San-Pedro-Kaktus mit vier Blattadern. Die Chavín-Kultur hatte ihre Blütezeit zwischen 1400 und 400 v.Chr., und der behauene Stein stammt aus der Zeit um 1300 v.Chr. Vor Kurzem entdeckte Textilien aus Chavín an der südlichen Küste von Peru deuten darauf hin, dass San Pedro im ersten Jahrtausend v.Chr. verwendet wurde. Der auf den Textilien abgebildete Kaktus besitzt keine Stacheln und ist in Verbindung mit einer Katze und einem kolibriartigen Wesen dargestellt. Es gibt auch San-Pedro-Darstellungen aus Keramik, die aus Chavín stammen. Eine der ältesten kommt von der Küste im Norden von Peru. Man nimmt an, dass sie aus der Zeit zwischen 1000 und 700 v.Chr. stammt, und sie zeigt die magische Pflanze neben einem Hirsch. Fünf Gefäße, auf denen der San Pedro neben einem Jaguar angeordnet ist, stammen wahrscheinlich aus der Zeit von 700–500 v. Chr. Auf jedem Gefäß sieht man den San Pedro mit vier Rippen neben einem gefleckten Jaguar und spiralförmigen Verzierungen.» (2) Früher wie heute verwendete man den Ahuakulla-Kaktus für schamanische Zwecke in den Andenregionen von Bolivien, Kolumbien, Ecuador und Peru.

Dank des botanischen Wissens über Ayahuasca, das mir mein erster Meister, Taita Martín Ágreda von den Ureinwohnern von Camëntzá im Valle de Sibundoy (Putumayo, Kolumbien), vermittelt hatte, erhielt ich Gelegenheit, mich mit dem schamanischen Gebrauch des Ahuakulla vertraut zu machen. Er gab mir bei vielen nächtlichen Ritualen einen köstlichen Cocktail aus Ayahuasca und Ahuakulla zu trinken, um den Kaktus kennenzulernen, und erlaubte mir später den Gebrauch des wertvollen Kaktus.

Lucys Xtra

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