arte: Tausende Jahre Rausch

Doku: Der Mensch und seine Drogen

Ist der Drogenrausch ein Produkt unserer Gegenwart – Ausdruck einer maßlosen, hedonistischen Gesellschaft? Die arte-Dokumentation widerspricht dieser Annahme entschieden. Sie zeichnet ein Panorama, das weit über die Gegenwart hinausreicht – und zeigt: Der Rausch ist so alt wie die Menschheit selbst.

Schon in der Einführung wird klar, dass psychoaktive Substanzen keine Randerscheinung, sondern tief in kulturellen Praktiken verwurzelt sind. Archäologische Funde belegen, dass Menschen bereits vor Jahrtausenden gezielt Pflanzen und Substanzen nutzten, um ihr Bewusstsein zu verändern. Im Kapitel über die Römer und sibirische Kulturen wird deutlich, wie unterschiedlich diese Praktiken ausgeprägt waren: Während im Römischen Reich Wein fest in den Alltag integriert war, nutzten sibirische Völker Pilze wie den Fliegenpilz in rituellen Kontexten – oft mit schamanischer Bedeutung.

Besonders eindrücklich schildert die Dokumentation die frühen schamanischen Drogenkulturen Südamerikas. Hier war der Rausch kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug: zur Heilung, zur Kommunikation mit Geistern, zur Erkenntnis. Substanzen wie Ayahuasca wurden und werden in streng geregelten Zeremonien konsumiert. Eingebettet in soziale und spirituelle Ordnung – nicht entgrenzt, sondern kontrolliert.

Ein Wendepunkt zeigt sich im europäischen Kontext. Alkohol wird zur dominierenden Droge – nicht zuletzt, weil er vergleichsweise einfach herzustellen ist und sich gut in bestehende gesellschaftliche Strukturen integrieren lässt. Bier und Wein werden zu Alltagsbegleitern, ihre berauschende Wirkung ist kulturell akzeptiert. Der Rausch verliert hier teilweise seine sakrale Dimension und wird zunehmend profan.

Mit der Neuzeit verändert sich die Situation grundlegend. Neue Substanzen gelangen nach Europa, koloniale Handelswege bringen Opium, Tabak und später auch Kokain. Die Doku zeigt, wie diese Stoffe die Rauschkultur revolutionieren. Der Konsum entzieht sich traditionellen Regeln, wird exzessiver, individueller.

Der vielleicht entscheidende Abschnitt widmet sich der Kriminalisierung von Drogen. Warum sind viele Substanzen heute verboten, obwohl sie historisch weit verbreitet waren? Die Antwort liegt weniger in ihrer Gefährlichkeit als in politischen und ökonomischen Interessen. Im 19. und 20. Jahrhundert entstehen internationale Abkommen, die bestimmte Drogen regulieren oder verbieten – oft beeinflusst von Machtverhältnissen, kolonialen Perspektiven und moralischen Kampagnen.

Ein besonders kritischer Blick gilt dabei der Unterscheidung zwischen illegalen Drogen und Medikamenten. Die Dokumentation spricht provokant von „legalen Drogen für Weiße“ und meint damit die Pharmaindustrie, die psychoaktive Substanzen in kontrollierter Form vertreibt. Der Unterschied liegt nicht zwingend in der Wirkung, sondern in der gesellschaftlichen Akzeptanz und Regulierung.

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