Bardo und der Nebelkönig

XtraFür Albert Hofmann

Text: Hartwig Kopp-Delany

Im Garten meiner Großtante Katharina S., den sie liebevoll pflegte, gab es Jahr für Jahr und im Wechsel der Jahreszeiten immer wieder Ereignisse besonderer Natur. Einmal war es die üppige Jasminblüte, die den Garten in ein Paradies aus Duft verwandelte, dann die Blüte des Sommerflieders, der Hunderte der schönsten Schmetterlinge anzog. Auch war in regelmäßigen Abständen ein Reiher zu Gast, der sich ebenso lässig wie geduldig ein paar Fische aus dem Teich herauspickte. Kaum war der Vogel gelandet, bekam er einen neugierigen Zuschauer: Das Pony meiner Tante, das auf der anliegenden Weide graste, beäugte den stelzigen Vogel über den Koppelzaun hinweg, als prüfe es die schrullige Erscheinung auf die Möglichkeit eines gemeinsamen Spieles hin.

In unvergleichlicher Erinnerung aber blieb mir eine Geschichte, die mir kürzlich widerfuhr. Ich lag auf dem Rücken unter dem Kirschbaum und haschte mit den Augen die Sonne, die in blitzenden Strahlen durch das im Wind spielende Blattwerk fiel. Ich glaubte, eine Elfe zu sehen. Sie baumelte, in Verkleidung einer Raupe, an einem der Blätter, die am tiefsten Ast des Baumes kaum einen Meter über der Erde hingen. An einem dünnen Faden seilte sie sich auf meine Brust hinunter und blieb dort eine Weile eingerollt liegen, als wolle sie es sich für längere Zeit bequem machen.

Ich hatte noch nie das Vergnügen gehabt, mich mit einer Elfe zu unterhalten, darum bat ich sie, mir etwas über sich zu erzählen, vielleicht ein besonderes Ereignis aus ihrem Leben. Ich sei wohl nicht ganz bei Sinnen, hörte ich da eine Stimme in meinem Kopf: Eine Raupe könne keine Elfe sein, und eine Elfe könne sich einem Menschen nicht mitteilen, und überhaupt sei das alles ein ziemlicher Unsinn, der geneigt sei, einen Menschen um den Verstand zu bringen. Und so wies mich diese Stimme in heftiger Rede zurecht, was mich gleichermaßen überraschte wie erheiterte, denn nun war ich erst recht neugierig geworden auf die seltsame Erscheinung.

Ich fragte sie einfach nach ihrem Namen und schob gleich die Bemerkung hinterher, dass sie mich von meiner Absicht, mit ihr zu plaudern, nicht abbringen könne. Da ich in der Lage sei, sie zu hören, müsse eine Unterhaltung möglich sein. Außerdem hielte ich nichts von weltanschaulichen Theorien, welche den gegebenen Tatsachen widersprächen. Das schien ihr plausibel, und sie meinte, dann sei es so, wie es sei, und sie begann von ihrem Dasein als Raupe zu erzählen, einer Raupe, die auf den Namen Bardo hörte.

Lucys Xtra

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