Berauschte Tierwelt

XtraTiere und Drogen

Fröhliche Braunbären - wieso bloß? Foto: pd

Text: Kevin Johann

„Wir fanden heraus, dass Menschen und Tiere hinsichtlich des Umgangs mit psychoaktiven Pflanzen in natürlicher Umwelt sehr viel gemeinsam haben.“
(Ronald K. Siegel)

Dass der Rauschmittelkonsum nicht nur eine Affinität des Menschen ist, wurde bereits im 1974 erschienenen Kultfilm „Die lustige Welt der Tiere“ anschaulich gezeigt. Zu sehen sind in dieser Tierdokumentation unter anderem Affen, Elefanten, Giraffen und Warzenschweine, die sich großzügig an den vergorenen Früchten des Marula-Baums berauschen. Doch nicht nur die animalischen Bewohner der afrikanischen Kalahari-Wüste mögen veränderte Bewusstseinszustände, auch andere Vertreter des Tierreichs tragen dieses Bedürfnis in sich. Vermutlich sogar alle Lebewesen mit Gehirn, auch wenn sie noch so klein sind.

Elefanten (Elephantidae)

Die grauen Dickhäuter haben eine ganz besondere Vorliebe für die berauschende Wirkung von Alkohol, den sie meist in Form vergorener und vom Baum gefallener Früchte konsumieren. Afrikanische Elefanten beispielsweise begehren die überreifen Früchte des Marula-Baums (Sclerocarya birrea), der Doumpalme (Hypanea sp.) und der Palmyrapalme (Borassus aethiopum), während ihre indischen und bengalischen Artgenossen das vergorene Fallobst des Durianbaums (Durio zibethinus) fressen. Stehen diese natürlich vorkommenden „Alkoholika“ mal nicht zur Verfügung, brechen Elefanten gerne schon mal in entsprechende Lagerhallen ein.

So wurde in Indien vor einigen Jahren ein Fall dokumentiert, wo ebensolches passierte und betrunkene Elefanten, nachdem sie einen großen Reisbier-Bunker geplündert hatten, wild und aggressiv durch die Stadt liefen. Der italienische Ethnobotaniker Giorgio Samorini schreibt dazu: „In ihrer Trunkenheit sind die Elefanten äußerst erregt, sie springen bei ungewohnten Geräuschen oder plötzlichen Bewegungen anderer Tiere oder Menschen auf. Sie ängstigen sich schnell, fühlen sich in die Enge getrieben und werden dadurch aggressiv. Eine Herde betrunkener Elefanten stellt eine ernsthafte Gefahr für den Menschen dar.“ (Samorini, S. 38)

Affen (Anthropoidea)

Auch Affen mögen Alkohol, ebenfalls meistens in Form von vergorenen Früchten. Gerne stibitzen die Tiere aus der zoologischen Ordnung der höheren Primaten aber auch die eigens produzierten alkoholischen Getränke der einheimischen Bevölkerung, womit sie sich jedoch keine Freunde machen. Die Affen in Indien haben nach solchen räuberischen Aktionen jedoch Glück und bleiben verschont, denn mythologisch wird der Affe bekanntlich mit dem Gott Hanuman in Verbindung gebracht und ist dort ein heiliges Tier.

Affen mögen aber nicht nur Alkohol; in Bezug auf psychoaktive Substanzen sind sie nicht sonderlich wählerisch. Der in Afrika beheimatete Schimpanse (Pan) beispielsweise steht auf das psychoaktive Gift des afrikanischen Riesentausendfüßers bzw. Riesenschnurfüßers (Archispirostreptus gigas), der solange geärgert und provoziert wird, bis er das gewünschte Sekret freigibt. Der Schimpanse leckt den Tausendfüßer kurz ab und lässt ihn dann wieder frei.

Ähnliches ereignet sich auf Madagaskar, wo sich Lemuren (Lemuriformes) und Kapuzineraffen (Cebus) das 1,4-Benzochinon-haltige Sekret des Tausendfüßers großzügig ins Fell einmassieren. Das schützt zum einen gegen störende Insekten und zum anderen wirkt der Prozess berauschend, was von den Affen wohlwollend in Kauf genommen wird.

Dass die intelligenten Primaten auch bereitwillige Konsumenten von Amphetamin, Kokain, Heroin, Medikamenten etc. sind, wurde in zahlreichen pharmazeutischen Tierversuchen bewiesen, welche jedoch aufgrund ihrer grausamen Abartig- und Niederträchtigkeit, in diesem Artikel eigentlich nicht erwähnt werden dürften. Es belegt lediglich die Aussage, dass Affen in Bezug auf psychoaktive Rauschmittel nicht besonders wählerisch sind.

Rentiere (Rangifer tarandus)

Wie zahlreiche Tierforscher herausgefunden haben, sind sibirische und skandinavische Rentiere begeisterte Konsumenten des psychoaktiven Fliegenpilzes (Amanita muscaria). Man kann sogar behaupten, dass sie wahrhaft verrückt nach dem charakteristisch aussehenden „Glückspilz“ sind. „Sie gehen buchstäblich auf die Jagd nach diesem auffälligen Pilz und suchen ihn im wahrsten Sinne wegen der Wirkung der Trunkenheit, die er in ihnen hervorruft. Nachdem sie ihn gefressen haben, laufen sie ziellos umher, machen Lärm und isolieren sich von der Herde. Bereits das kleinste Stück dieses Pilzes scheint bei den Rentieren einen beträchtlichen Rausch hervorzurufen; sie verdrehen den Kopf, was bei Tieren, die sich in einem Rauschzustand befinden, eines der am stärksten verbreiteten Phänomene ist.“ (Samorini, S. 54.)

Lucys Xtra

Du hast bereits einen Onlinezugang bei uns? Dann melde dich hier an.

Einzelbeitrag

0,90 CHF
Berauschte Tierwelt
• Sofortzugriff auf den ganzen Beitrag
• Zusätzliche Bilder und Informationen
• 12 Monate unbegrenzt abrufbar
• Auf all deinen Geräten nutzbar

Onlinezugang

13,80 CHF
• Einen Monat gratis lesen*
• Unbegrenzter Zugriff auf exklusive Inhalte
• Abodauer selbst flexibel bestimmen
• E-Papers gratis ab 24 Monaten Laufzeit

Print-Abonnement

35,00 CHF
• Zwischen verschiedenen Abos wählen
• Preis selbst bestimmen
• Onlinzugang & E-Paper gratis erhalten
• Dankeschön geschenkt bekommen