Das große Ganze überschauen

Bewusstseinserweiterung mit Psychedelika liegt zurzeit irgendwie im Trend: Die Zahl der Psychonauten wächst so schnell wie noch selten. Offensichtlich kehren wir langsam dorthin zurück, wo wir als geistige Wesen einst hergekommen sind – vielleicht ist das eine Antwort auf die verheerenden Zustände in dieser Welt. Sich der Psychonautik hinzugeben bedeutet zu lernen, wie man visionäre Zustände navigiert und wie man sie nutzt, um sich einerseits persönlich zu entwickeln und andererseits globale Probleme zu erkennen. Psychedelisch veränderte Bewusstseinszustände können uns lehren, das große Ganze zu überschauen, ohne dabei das Kleine aus den Augen zu verlieren. Bewusstseinserweiterung ist sicherlich ein wichtiger Aspekt auf dem Weg aus der globalen Misere.
Neue Studien gewähren Einblicke in die Pharmakologie von LSD, belegen dessen bewusstseinserweiternde Wirksamkeit und machen sie besser verständlich. Durch LSD wird das Gehirn zu einem noch größeren und multifunktionaleren Netzwerk, als es das ohnehin schon ist (vgl. Lucy’s Rausch Nr. 4). Jetzt sind weitere interessante Studien zur Wirkweise des LSD erschienen – wir berichten in der Rubrik Mix darüber –, während selbsternannte Suchtexperten postulieren, psychedelische Moleküle würden keine Bewusstseinserweiterung herbeiführen, sondern lediglich Trugbilder und Fantasiekonstrukte. Solche Behauptungen können nur von jenen kommen, die keine Erfahrungen mit diesen Substanzen haben – frei nach Terence McKenna: «LSD erzeugt Psychosen – bei denen, die es nie genommen haben.»
Und damit sind wir schon beim Inhalt der aktuellen Ausgabe angelangt, denn darin geht es unter anderem auch um Terence McKennas Philosophie und Ideen, die Jonas Hässig in einem Essay erläutert. Der Bewusstseinsforscher Torsten Passie erhellt in einem Interview die fotografischen Mandalas des Künstlers Harry C. Kane und hat außerdem einen Artikel zur Erforschung des Kaktus-Entheogens Meskalin beigesteuert. Die Anthropologen Jeremy Narby und Francis Huxley, der Neffe des berühmten Aldous Huxley, beehren erstmals unser Magazin mit einem Überblick über den Schamanismus.
Der US-Amerikaner Martin W. Ball polarisiert innerhalb der psychonautischen Welt mit seinen Aussagen über die Beschaffenheit der Realität(en). Tiefgreifende Erlebnisse mit dem DMT-Derivat 5-Methoxy-DMT führten ihn – wie er sagt – direkt zur Schöpferkraft, zu Gott, und führten ihm vor Augen, dass in Wirklichkeit nur dieser nonduale Gott und des­sen Emanationen existieren, nicht jedoch die unsicht­baren Realitäten, von denen viele Psychonauten berichten. David Heuer hat mit ihm gesprochen. Und Lucifer Svard aus den Niederlanden informiert in einem umfassenden Text über das schamanische Werkzeug Rapé, einen energetisch hochwirksamen Snuff auf der Basis von diversen Tabakaschen und anderen, zum Teil noch unbekannten Schamanen­pflanzen des südamerikanischen Amazonasgebiets.
Artikel zu Opium, Cannabis-Landrassen, Traumpflanzen und der relativ neuen Musikrichtung Nu LatAm (New Latin American Music) sowie wei­tere erhellende Texte runden die Ausgabe Nr. 5 von Lucy’s Rausch ab. Ich wünsche viele Aha-Erlebnisse, spannenden Lesegenuss und rekreative Augenblicke der inneren Einkehr.
Markus Berger, Chefredakteur