Dennis McKenna: Abenteuer am Rande des Unfassbaren

Buchbesprechung

Dennis McKenna, Foto: Synergetic Press

Text: Susanne G. Seiler

Nach einem klärenden Vorwort von Autor und Astrobiologe Bruce Damer und einer warmherzigen Einführung des kolumbianischen Anthropologen und Ayahuasca-Forschers Luis Eduardo Luna, dessen Ende mich zu Tränen rührte, war schnell klar, dass Dennis McKenna keine Biografie über den Terence McKenna, den wir kennen und lieben, hätte schreiben können, hätte er dabei die Rolle ausgeklammert, die er im Leben seines Bruders spielte. Dennis kann nicht anders, als sich selbst treu bleiben, nicht nur als wichtiger Mitspieler, sondern auch als Held im Film seines eigenen Lebens voller wissenschaftlicher Errungenschaften, insbesondere auf dem Gebiet der DMT-Forschung, weshalb es im zweiten Teil des Buchs vor allem um ihn und seine Arbeit geht. Außerdem war es Dennis, der eines der zentralen Ereignisse der McKenna-Saga erlitt, den «psychotische Schub» – oder eben die schamanische Einweihung –, die er 1971 in La Chorrera (Kolumbien) erfuhr. Terence half ihm, sie zu durchstehen und bewies großes Vertrauen und einen starken Geist, wie er ausführlich im ebenfalls im Nachtschatten Verlag erschienenen Wahre Halluzinationen erzählt, dem lesenswertesten seiner Bücher. Bis heute, bin ich versucht zu sagen, aber Terence weilt schon lange nicht mehr unter uns. Er verließ uns im Jahr 2000, ohne zu wissen, ob die andere Säule seines außergewöhnlichen intellektuellen Lebens, «Timewave Zero», wichtige kollektive Veränderungen zum Ende des 13. Baktun des Maya-Kalenders am 21.12.2012 hatte vorhersagen können. Timewave Zero ist die Software zu Terences Theorie der «Neuheitswelle». Sie erklärt die Ebbe und Flut unseres Lebens als Zyklen erhöhter Aktivität und Erneuerung bis zum Punkt Null, dem Tag, an dem die Geschichte endet. Nach Terences Berechnungen fiel das Ende der Zeit mit dem Ende des letzten Zyklus oder Bakun des Maya-Kalenders mit der Wintersonnenwende 2012 zusammen. Zufällig ging die Welt am 21. Dezember 2012 nicht unter. Dennoch hat sich die Weltordnung seitdem tiefgreifend verändert.

Kapitel 2 widmet Dennis seinem Bruder: Er erzählt, woher er und Terence stammten, wer ihre Familie war, wie und wo sie aufwuchsen, nach welchen Werten sie lebten, wodurch ihre Eltern und Verwandten sich auszeichneten, wer ihre Kindheitsfreunde und wer ihre Rivalen waren sowie viele andere Einzelheiten. Dennis, ein Familienmensch, spricht mit großer Zuneigung von seinen Eltern, Großtanten und Großonkeln, aber Terence war seinen Verwandten gegenüber eher misstrauisch, obwohl eine seiner alten Tanten ihn pflegte, als er im Alter von dreiundfünfzig Jahren im Sterben lag. Sie nannte er «die alte Streitaxt», was ich aus seinem Mund für einen Kosenamen halte.

Terence und sein jüngerer Bruder wuchsen in Paonia auf, dem lateinischen Namen für die Pfingstrose, einer Stadt im Westen Colorados, fünf Autostunden von Denver entfernt. Sie wurde in den 1880er Jahren gegründet und 1902 eingemeindet. Obst, Kohle und das Klima bildeten die wirtschaftliche Grundlage von Paonia und dem gesamten North Fork Valley des Gunnison River. Als Terence und Dennis aufwuchsen, zählte Paonia etwa tausend Einwohner; seitdem hat sich die Gesamtbevölkerung fast verdoppelt, und die Demografie der Stadt hat sich erheblich verändert. Seit dem Rainbow Gathering von 1992 haben sich dort zahlreiche Anhänger der New-Age-Bewegung und Mitglieder der psychedelischen Community niedergelassen. Viele kamen zu Ehren von Terence, aber die meisten blieben, weil Paonia ein schöner Ort ist, die perfekte Kleinstadt, um Kinder großzuziehen und das Leben zu genießen.

Obwohl Terence Dennis gerne hänselte, wurden sie mit zunehmendem Alter gute Freunde. Dabei mochte Dennis Terence wahrscheinlich weniger als umgekehrt, denn sein Bruder hatte eine grausame Ader, was oft vorkommt, wenn jemand zu sehr bewundert wird. Dennis war vier Jahre jünger als er und obwohl er zu ihm aufschaute, wie kleine Brüder das eben tun, nervte Terence ihn auch. Sie waren Muttersöhnchen, besonders Terence, der es seinem Vater zutiefst verübelte, dass dieser ihn wegen einer Dummheit geschlagen hatte, die er beging, als er noch zu jung war, es besser zu wissen. Wie so viele Väter war Joe McKenna oft abwesend und flog als Versicherungsagent mit einer Piper Tri-Pacer, die eine große Rolle im Leben der Familie McKenna spielte, durch ganz Colorado. Sie verbrachten einige ihrer schönsten Zeiten in diesem Kleinflugzeug, wenn sie an Wochenenden oder in den Ferien beliebte, aber auch zu weniger bekannte Ziele anpeilten.

Die McKenna-Brüder genossen eine behütete, für die 1950er Jahre typische Kindheit. Ihre Mutter war zu Hause, wenn sie aus der Schule kamen, ihr Vater, wann immer er konnte. Trotz ihrer vielen Konflikte hielt er sein Leben lang zu seinen Söhnen, egal wie schwierig, esoterisch oder schwer zu verstehen sie auch waren. Ihre Jugendjahre endeten, als Terence die Erlaubnis erhielt, die Highschool in Kalifornien zu beenden; weil man ihn zu Hause nicht mehr Herr wurde. Dennis wollte ihm unbedingt folgen, musste sich aber noch einige Jahre im idyllischen Paonia gedulden, während Terence in Berkeley bereits Umweltwissenschaften studierte. Terence war ein Sammler, eine Gewohnheit, die aus seinem Interesse an Fossilien herrührte, die damals in der Wüstenlandschaft und in den Bergen rund um Paonia noch leicht zu finden waren. Er hatte eine winzige Handschrift und katalogisierte seine Funde mit großer Genauigkeit. Diese Eigenschaft verschaffte ihm später einen Job als Schmetterlingspräparator – eine Beschäftigung, die ebenfalls eine gewisse Grausamkeit voraussetzt. So finanzierte er die erste seiner vielen Reisen. Und als das Katalogisieren von Schmetterlingen nicht mehr die nötigen Mittel einbrachte, wandte er sich dem Haschischschmuggel zu, Ende der sechziger Jahre, als die Sicherheitsvorkehrungen noch gering waren, ein relativ einfaches Geschäft. Eines der Pakete, die er aus dem Ausland verschickte, wurde dennoch abgefangen, weshalb sich Terence eine gewisse Weile nicht mehr traute, in die USA einzureisen. Daher schaffte er es nicht rechtzeitig zurück nach Paonia, als seine Mutter an Krebs starb, eine traurige Tatsache, die ihn den Rest seines Lebens verfolgte. Er war zweiundzwanzig, sein Bruder knapp achtzehn.

Von den gemeinsamen Interessen der Brüder stand die Bewusstseinserweiterung durch Psychedelika an erster Stelle. Ihr ganzes Leben lang experimentierten und forschten sie zur «unsichtbaren Landschaft» des Geistes und der Anderswelt (siehe The Invisible Landscape, den Titel ihres gemeinsamen Buchs), und so auch zu den Themen Schamanismus, DMT oder Ayahuasca, dem „I Ging” und der Doppelspirale der DNA. Beide ließen sich schließlich nieder, Dennis mit seiner Frau Sheila und Tochter Caitlin, Terence mit der bekannten Ethnobotanikerin Kathleen «Kat» Harrison und den beiden Kindern Finn und Klea. Dennis ist nach wie vor glücklich verheiratet, Terence und Kat machten in den Neunzigern eine schmerzhafte Scheidung durch.

Obwohl er gerne und viel kiffte, konsumierte Terence nach den ersten Jahren nicht mehr so oft Psychedelika. Er war zu beschäftigt mit anderen Dingen, um Zeit dafür zu finden. Dennis gab sich häufiger deren Konsum hin, aber als anerkannter Wissenschaftler, der für das NIMH und andere renommierte Labors arbeitete, genoss er einen intakten Ruf, während sein psychotrop abstinenterer Bruder in den Augen der Welt der Wildere von beiden war. Es ist kein Geheimnis, dass die McKenna-Brüder den Psilocybin-Boom der achtziger und neunziger Jahre auslösten, indem sie eine einfache Methode zu deren Zucht entwickelten und veröffentlichten, welche die Zauberpilze für Millionen Menschen in Reichweite brachte und den größten Hype auslösten, seit Timothy Leary eine ganze Generation dazu aufrief, sie sollten durch LSD «high sein, frei sein, dabei sein». Nur, dass es diesmal niemand an die große Glocke hing. Und als der Anbau und Vertrieb von Psilocybin nicht mehr opportun schien, weil zu viele Menschen davon wussten und Terence schon recht bekannt war, verdiente er mit seinen Büchern, Vorträgen und Kassetten sowie mit seiner Vortragstätigkeit bereits genug, um ihm und seiner Familie ein Auskommen zu sichern und größere Reisen zu ermöglichen.

Er litt schon immer unter Migräne; nach seiner Scheidung verschlimmerte sie sich, was zusammen mit anderen Rückschlägen zu einer dunklen Phase in Terences Leben beitrug. Im Jahr 1999, nach einem besonders heftigen Anfall, wurde bei ihm ein Glioblastoma diagnostiziert, die tödlichste und gleichzeitig häufigste Art Hirntumor. Er versuchte alles, was er nur konnte, um ihn loszuwerden: Laserchirurgie, Chemotherapie, alternative Medizin, eine riskante Operation, alles ohne Erfolg. Und so endet dieser Buchabschnitt in Trauer und Tränen. Es gäbe noch viel mehr zu erzählen, aber da ich es immer bedauert habe, dass man bei einer Buchbesprechung einen Teil der Geschichte verraten muss, möchte ich hier aufhören. Danke, Dennis, dass du diesen eloquenten, offenen und bewegenden Bericht über zwei Leben geschrieben hast, die so viele von uns tief geprägt haben.

Zürich, 6. August 2025