Text: Markus Berger
| Bei dieser ethnobotanischen Monographie handelt es sich um den gekürzten Eintrag eines in Entstehung befindlichen Buches des Titels «Neue» psychoaktive Pflanzen – Von der Drogenforschung übersehene Gewächse. |
Nauclea latifolia Sm.
Synonyme: Cephalina esculenta Schumach. et Thonn., Nauclea esculenta Merr., Nauclea sambucina T.Winterb., Sarcocephalus esculentus Afzel. ex Sabine, Sarcocephalus esculentus var. amarissima A.Chev., Sarcocephalus esculentus var. velutina A.Chev., Sarcocephalus latifolius (Sm.) E.A.Bruce, Sarcocephalus russeggeri Kotschy ex Schweinf., Sarcocephalus sambucinus K.Schum.
Trivialnamen: Afrikanischer Nadelkissenbaum, Afrikanischer Pfirsich, African Peach, koumkouma (Kamerun)
Familie: Rubiaceae (Rötegewächse)
Dieses afrikanische Baumgewächs gab der Forschung so manches Rätsel auf. Wissenschaftler wollten in der Wurzelrinde Tramadol nachgewiesen haben (Boumendjel et al. 2013). Fakt ist, dass Nauclea latifolia eine psychoaktive Pflanze ist. Die Aufschlüsselung des Falles:
2013 veröffentlichten Boumendjel und Kollegen die Ergenbisse einer phytochemischen Untersuchung des Baumes Nauclea latifolia aus Nord-Kamerun, wobei sie das zuvor nur als synthetisches Opioid bekannte Tramadol in der Wurzelrinde entdeckt hatten (Boumendjel et al. 2013; Nau 2013).
Ein Jahr später publizierten andere Forscher die Resultate ihrer verifizierenden Analyse, der Verständlichkeit halber hier der originale aus dem Englischen übersetzte Wortlaut: «Wir fanden Tramadol und seine drei wichtigsten Metaboliten für Säugetiere (O-Desmethyltramadol, N-Desmethyltramadol und 4-Hydroxycyclohexyltramadol) in den Wurzeln von N. latifolia und fünf weiteren Pflanzenarten sowie im Boden und in lokalen Gewässern nur in der Region Far North in Kamerun. Die ‹Off-Label›-Verabreichung von Tramadol an Rinder in dieser Region führt zu einer Kreuzkontamination des Bodens und des Wassers durch Kot und Urin, die sowohl das Ausgangs-Tramadol als auch die von den Tieren produzierten Tramadol-Metaboliten enthalten. Diese Verbindungen können dann von den Pflanzenwurzeln aufgenommen werden und auch in die örtliche Wasserversorgung sickern. Das Vorhandensein von Tramadol in Wurzeln ist also auf eine anthropogene Kontamination mit der synthetischen Verbindung zurückzuführen» (Kusari et al. 2014).
Dessen ungeachtet, befassten sich wieder weitere Wissenschaftler mit möglichen Biosynthesewegen des Tramadols in dem Gewächs (Boucherle et al. 2016; Lecerf-Schmidt et al. 2015; Romek et al. 2015). Da allerdings «alle biosynthetischen Pflanzenverbindungen einen Radiokohlenstoffgehalt aufweisen müssen, der dem der heutigen Umwelt nahe kommt» (Kusari et al. 2016), bestätigen die Ergebnisse einer 2016 veröffentlichten Studie, «dass das aus dem Boden isolierte Tramadol nicht pflanzlichen Ursprungs sein kann. Analysen von S.–latifolius-Samen, in vitro gezüchteten Pflanzen, Pflanzen unterschiedlicher Herkunft und Experimente zur Kennzeichnung mit stabilen Isotopen bestätigten außerdem, dass synthetisches Tramadol die Umwelt kontaminiert» (Kusari et al. 2016). Damit war den Forschern zufolge «der synthetische Ursprung von Tramadol in der Umwelt nun eindeutig bestätigt» (ebd.).
Dennoch ist Nauclea latifolia ein psychoaktives Gewächs. Die Wurzeln, Blätter, Rinde und Früchte der Pflanze werden in Westafrika aufgrund ihrer aphrodisierenden und tonischen Eigenschaften benutzt (Sarris et al. 2013). Die Wurzel des Baumes wird in Afrika, z.B. in Kamerun, bei Schlaflosigkeit, Angststörungen/Angstzuständen wie auch bei Epilepsie und männlichen Sexualstörungen verwendet (Alabi et al. 2018; Boucherle et al. 2016; Taïweet al. 2011). Wie die Wissenschaft bestätigt, hat die Wurzelrinde der Art sedierende, angstlösende und krampflösende Eigenschaften (Ngo Bum et al. 2009), und der wässrige Extrakt aus der Wurzelrinde enthält psychoaktive Substanzen (Amos et al. 2005).
Die Pflanze wird in Afrika, z.B. in Kamerun, Nigeria, Togo, Uganda, im Sudan und an der Elfenbeinküste, ethnomedizinisch außerdem zur Behandlung von Aids/HIV, Bauchschmerzen, Bluthochdruck, Diabetes, Durchfall, Dysenterie, Fieber, Gelbsucht, Gelbfieber, Hepatitis, Rheuma, Schmerzen, neuropathischen Schmerzen, Kopfschmerzen, entzündlichen Schmerzen, Krämpfen und Malaria verwendet (Alabi et al. 2018; Benoit-Vical et al. 1998; Boucherle et al. 2016; Donalisio et al. 2013; Lamorde et al. 2010; Osama et al. 2017; Owolabi et al. 2010; Taïweet al. 2014; Tchacondo et al. 2012). Die Wurzeln haben analgetische, antipyretische, antivirale, entzündungshemmende Eigenschaften (Abbah et al. 2010; Donalisio et al. 2013; Taïweet al. 2011). Die Blätter und Früchte haben antioxidative (Ayeleso et al. 2014), die Blätter außerdem entzündungshemmende und antidiabetische Effekte (Gidado et al. 2008+2012; Iheagwam et al. 2019+2020). Stamm und Wurzel haben antiplasmodische (Benoit-Vical et al. 1998), die Wurzelrinde antidiarrhoische Wirkung (Owolabi et al. 2010). Die Rinde weist antioxidative Wirkung und geringe AChE-hemmende Aktivität auf (Osama et al. 2017).
Lucys Xtra
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