Text: Florian Kugel
Anfang der 1960er Jahre führen der Psychologe Timothy Leary und sein Team aus Harvard abenteuerliche Forschungen mit Psychedelika durch. In einem Experiment nehmen sie psychedelische Drogen gemeinsam mit den Insassen in einem Hochsicherheitsgefängnis. So unwissenschaftlich und riskant der Versuchsaufbau auch war, so zutiefst menschlich präsentierte sich das Ergebnis.
Wir schreiben den Morgen des 27. März 1961. Der große Raum in der Krankenstation des Massachusetts Correctional Institution, Concord, wirkt leer und hell – nicht freundlich hell, sondern entlarvend, kalt, aseptisch. Die fünf Häftlinge sitzen da und beobachten irgendwo zwischen Unglauben und Belustigung diesen schlaksigen, charismatischen Harvard-Psychologen, der gerade vor ihren Augen eine halluzinogene Droge einnimmt. Dieser Dr. Leary hat sie zusammen mit seinem Team in den vergangenen Wochen über das Zeug aufgeklärt und einen Stapel Bücher und Berichte mitgebracht. Psilocybin. Es ist der Wirkstoff eines mexikanischen Pilzes, der von den Indigenen als heilig verehrt wird – er verursacht Visionen und mystische Erfahrungen, sagen die Harvard-Leute.
Die Gefangenen sind angespannt, fühlen sich wie Laborratten; auch die Akademiker fühlen sich alles andere als wohl. Um die Atmosphäre aufzulockern, haben sie einen Plattenspieler, einen Kassettenrekorder sowie Bücher über Kunst mitgebracht. Betten stehen bereit. Die Hierarchie ist von Anfang an flach. Leary legt großen Wert darauf, das typische Arzt-Patient-Spiel zu vermeiden. Es soll eine Kollaboration werden. Die Psychologen sind allenfalls Berater, wenn nicht sogar selbst Klienten: Gemäß Learys Philosophie der existenziellen Transaktion sollen sich nicht nur die Insassen verändern, sondern auch die involvierten Therapeuten – ein nicht nur zu seiner Zeit hoch umstrittener Ansatz. Noch im Laufe des Experiments stellt er zufrieden fest: «Indem wir Gefangenen helfen, erkennen wir natürlich, dass die Gefangenen ebenso uns rehabilitieren – sie ändern unsere Auffassung von Verbrechen und Strafe, bringen uns ihre Spiele bei und zeigen uns die Limitierungen unserer Mittelklassen-Konzepte auf, erweitern unser Bewusstsein und geben unserem Leben eine tiefere Bedeutung.»
Nach der Einnahme der Substanz reicht Timothy Leary die Schale mit den Präparaten weiter an John, den Gefangenen zu seiner Linken, einen mehrfach verurteilten Straftäter aus Worcester, Massachusetts. Auch er nimmt seine Dosis, und die Schale macht die Runde.
Die Gruppe der Insassen besteht aus zwei Mördern, zwei Räubern und einem Heroindealer. An diesem Morgen werden Leary und drei Insassen gemeinsam auf Trip gehen. Außerdem anwesend: die beiden Psychologiestudenten Ralph Metzner und Gunther Weil, die gemeinsam mit den beiden übrigen Gefangenen die morgendliche Sitzung überwachen. Am Nachmittag werden dann die Rollen getauscht.
Wenn es gut läuft, stehen die Häftlinge kurz vor der Entlassung auf Bewährung. Ziel des Experiments ist es, durch eine sich über einen Zeitraum von sechs Wochen erstreckende Gruppentherapie die Rückfallquote signifikant zu senken. In dieser Zeit sind neben zwei wöchentlichen Treffen mit Diskussionen und Analysen insgesamt jeweils zwei Psilocybin-Sitzungen pro Häftling geplant. Die Gefangenen, die anschließend nicht auf Bewährung rauskommen, sollen in der nächsten Runde des Experiments als Experten mitwirken. Heute ist die allererste Sitzung; heute entscheidet sich, ob das Ganze überhaupt eine Zukunft hat. Die Spannung füllt den Raum wie von den Anwesenden ausgeschwitztes Ektoplasma.
Lucys Xtra
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