Der Wanderer zwischen den Wirklichkeiten

XtraEin psychedelisches Märchen

Text: Peter C. Sworden

Als Titian zum ersten Mal bemerkte, dass die Welt atmete, saß er einfach nur auf seinem abgewetzten Sofa. Der Nachmittag war grau, die Uhr tickte mit der unerbittlichen Geduld eines Metronoms, und sein Bewusstsein begann sich zu lösen wie Farbe von einer feuchten Wand. Es geschah nicht plötzlich. Es war eher, als würde eine zweite Melodie unter der bekannten Musik des Alltags hörbar werden.

Titian schloss die Augen – und fiel nicht etwa in Schlaf, sondern in Tiefe.

 

Die Schwelle

Er spürte, wie Gedanken ihre Schwerkraft verloren. Namen, Erinnerungen, Sorgen: Sie wurden leicht und trieben davon wie Blätter auf einem schwarzen See. Ein Summen stieg auf, erst kaum wahrnehmbar, dann allumfassend. Es war das Summen der Möglichkeiten.

„Fürchte dich nicht“, sagte eine Stimme, die nicht von außen kam. „Du hast diese Reise schon immer angetreten. Jetzt erinnerst du dich nur.“

Titian wollte fragen, wer da sprach, doch die Frage zerfiel, bevor sie Form annehmen konnte. Die Welt klappte sich auf wie ein Buch ohne Seitenzahlen.

 

Erste Welt: Das Paralleluniversum der Entscheidungen

Titian stand in einer Stadt, die seiner eigenen ähnelte – und doch nicht. Die Gebäude wirkten vertraut, aber sie standen in Winkeln, die der euklidischen Geometrie widersprachen. Straßen teilten sich wie Gedankenströme. Über allem lag ein schimmernder Schleier aus „Was-wäre-wenn?“.

Hier begegnete er den Vielgesichtigen.

Es waren Wesen, die aussahen wie Menschen, doch ihre Gesichter wechselten ständig. In jedem Augenblick sah Titian eine andere Version derselben Person: jung, alt, müde, glücklich, gescheitert, erleuchtet.

„Wer seid ihr?“, fragte Titian.

„Wir sind du“, antworteten sie im Chor. „Und wir sind alle Entscheidungen, die du nicht getroffen hast.“

Einer der Vielgesichtigen trat vor. Sein Blick war sanft.

„Jede Wahl erzeugt ein Universum. Nicht als Strafe oder Belohnung, sondern als Ausdruck kreativer Fülle. Das Leben ist verschwenderisch.“

Titian sah Visionen: Er sah sich selbst als Künstler, als Einsiedler, als Vater, als jemand, der nie den Mut gefunden hatte zu lieben. Schmerz und Schönheit waren ununterscheidbar.

Lucys Xtra

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