Die Sirenen von Eleusis

XtraDie Wiederentdeckung der Seele durch die europäische Opium-Moderne

Opiumromantik: Inzeniertes Porträt eines jungen Mannes in einer Opiumhöhle (Stereografie, 1904). Foto: alamy.com

Text Mathias Bröckers

Alles, was das Bewusstsein mit Drogen erreichen kann, kann auch ohne Drogen erreicht werden.» Das sagte einer, der es wissen musste, der «Jahrhundert-Junkie» William S. Burroughs. Dennoch gibt es gute Gründe anzu­nehmen, dass am Anfang aller Ekstasetechniken der zufällige Genuss psychoaktiver Pflanzen stand und diese Pflanzen kulturstiftend waren. Die Schamanen, die als Experten für Ekstase mit dem Hyperraum – dem Geist der Natur – Kontakt hal­ten, repräsentieren nicht nur den Urtypus des Weisen, sondern auch den des Heilers und Poeten. Ihre Therapie ist Sprache – es sind die Worte, die sie von ihrer Jenseitsreise mitbringen.

Der Anthropologe Lévi-Strauss hat in diesem Zusammenhang auf den entscheidenden Unter­schied zur «Sprachkur» der modernen Psychoana­lyse verwiesen: Hier spricht nicht der Patient, son­dern der Arzt. Die Sprachmagie des Schamanen ist der Anfang aller Kunst, jener einzigartigen Fähig­keit des Menschen, mit Worten, Klängen und Bil­dern neue Welten zu schaffen und damit auf die «alte» Welt – die Wirklichkeit – einzuwirken. Die Her­ausbildung dieser Kunst ist von Anfang an untrenn­bar mit psychoaktiven Pflanzen verbunden, und fast überall auf der Welt entwickelten sich Kulte um die «Speisen der Götter».

Isis, Astarte, Kybele, Kore, Ceres – welchen Namen man Gaia, der Mutter-Erde-Gottheit, auch gab, mit dem Mohn war sie stets auf das engste verbunden. Am deutlichsten wird dies in den zahlreichen Abbildungen von Demeter mit den Mohnkapseln. Auch wenn der heilige Trank des Demeter-Mysteriums im Tempel von Eleusis wahr­scheinlich eher psychedelische Wirkstoffe enthielt, spielte Opium in der Religion des antiken Grie­chenlands eine zentrale Rolle, ebenso wie der dio­nysische Alkohol, dessen narkotisierende Eigen­schaften denen des Mohnsafts zwar durchaus vergleichbar sind, der in seiner Wirkung auf den Geist jedoch genau in die entgegengesetzte Richtung zielt. Während Alkohol das Bewusstsein eher nach außen richtet – auf Materielles, auf Akti­vität –, führt Opium eher zum Immateriellen und zur Introspektion – zum Anschluss an den inneren Kanal, den Geburtskanal, das Weibliche, die «meistlich mysteriöse Mammamatrix» (James Joyce), die veriditas (Hildegard von Bingen), den Vegetationsgeist, die pulsierende Software der Natur. Die schamanische Gestalt dieser Zeit ist Orpheus, der Urvater aller Sänger, der mit seinen Worten selbst Hades, den Tod, überwindet und damit in einer Linie mit noch viel älteren Kosmolo­gien liegt; gemäß den australischen Aborigines beispielsweise wird die ganze lebendige Welt nur durch Gesang – durch Worte – geschaffen und zusammengehalten.

«Am Anfang war das Wort», heißt es noch in der jüdisch-christlichen Schöpfungsgeschichte. Mit der bekannten Drogenrazzia im Garten Eden wird dann aber der Genuss bewusstseinserwei­ternder Pflanzen zur Ursünde überhaupt gemacht und mit ewiger Verbannung geahndet. In gewisser Weise war das konsequent – die Rationalisierungs­maßnahme des Monotheismus ließ sich nur unter der Voraussetzung durchziehen, dass die magi­schen Kanäle der vielstimmigen Götter der Natur abgeschaltet wurden, indem man den Decoder, die pflanzliche Satellitenschüssel, zum Tabu erklärte.

Lucys Xtra

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