Text: Mathias Bröckers
Alles, was das Bewusstsein mit Drogen erreichen kann, kann auch ohne Drogen erreicht werden.» Das sagte einer, der es wissen musste, der «Jahrhundert-Junkie» William S. Burroughs. Dennoch gibt es gute Gründe anzunehmen, dass am Anfang aller Ekstasetechniken der zufällige Genuss psychoaktiver Pflanzen stand und diese Pflanzen kulturstiftend waren. Die Schamanen, die als Experten für Ekstase mit dem Hyperraum – dem Geist der Natur – Kontakt halten, repräsentieren nicht nur den Urtypus des Weisen, sondern auch den des Heilers und Poeten. Ihre Therapie ist Sprache – es sind die Worte, die sie von ihrer Jenseitsreise mitbringen.
Der Anthropologe Lévi-Strauss hat in diesem Zusammenhang auf den entscheidenden Unterschied zur «Sprachkur» der modernen Psychoanalyse verwiesen: Hier spricht nicht der Patient, sondern der Arzt. Die Sprachmagie des Schamanen ist der Anfang aller Kunst, jener einzigartigen Fähigkeit des Menschen, mit Worten, Klängen und Bildern neue Welten zu schaffen und damit auf die «alte» Welt – die Wirklichkeit – einzuwirken. Die Herausbildung dieser Kunst ist von Anfang an untrennbar mit psychoaktiven Pflanzen verbunden, und fast überall auf der Welt entwickelten sich Kulte um die «Speisen der Götter».
Isis, Astarte, Kybele, Kore, Ceres – welchen Namen man Gaia, der Mutter-Erde-Gottheit, auch gab, mit dem Mohn war sie stets auf das engste verbunden. Am deutlichsten wird dies in den zahlreichen Abbildungen von Demeter mit den Mohnkapseln. Auch wenn der heilige Trank des Demeter-Mysteriums im Tempel von Eleusis wahrscheinlich eher psychedelische Wirkstoffe enthielt, spielte Opium in der Religion des antiken Griechenlands eine zentrale Rolle, ebenso wie der dionysische Alkohol, dessen narkotisierende Eigenschaften denen des Mohnsafts zwar durchaus vergleichbar sind, der in seiner Wirkung auf den Geist jedoch genau in die entgegengesetzte Richtung zielt. Während Alkohol das Bewusstsein eher nach außen richtet – auf Materielles, auf Aktivität –, führt Opium eher zum Immateriellen und zur Introspektion – zum Anschluss an den inneren Kanal, den Geburtskanal, das Weibliche, die «meistlich mysteriöse Mammamatrix» (James Joyce), die veriditas (Hildegard von Bingen), den Vegetationsgeist, die pulsierende Software der Natur. Die schamanische Gestalt dieser Zeit ist Orpheus, der Urvater aller Sänger, der mit seinen Worten selbst Hades, den Tod, überwindet und damit in einer Linie mit noch viel älteren Kosmologien liegt; gemäß den australischen Aborigines beispielsweise wird die ganze lebendige Welt nur durch Gesang – durch Worte – geschaffen und zusammengehalten.
«Am Anfang war das Wort», heißt es noch in der jüdisch-christlichen Schöpfungsgeschichte. Mit der bekannten Drogenrazzia im Garten Eden wird dann aber der Genuss bewusstseinserweiternder Pflanzen zur Ursünde überhaupt gemacht und mit ewiger Verbannung geahndet. In gewisser Weise war das konsequent – die Rationalisierungsmaßnahme des Monotheismus ließ sich nur unter der Voraussetzung durchziehen, dass die magischen Kanäle der vielstimmigen Götter der Natur abgeschaltet wurden, indem man den Decoder, die pflanzliche Satellitenschüssel, zum Tabu erklärte.
Bezeichnenderweise findet sich im ganzen Buch Genesis kein einziger plausibler Grund, warum ausgerechnet der Konsum bewusstseinserweiternder Früchte verboten sein soll, außer dem einen: Der Mensch ist jetzt wie einer von uns geworden. Und das duldet der eifersüchtige Jehova nicht: Beim Gottesgeschäft will er sich von niemand in die Karten schauen lassen. Die Dichter und Sänger, die Künstler und Kreativen, haben sich dennoch nicht vom «Baum der Erkenntnis» und seinen Früchten abhalten lassen – um ihre neuen Welten zu schaffen, zapfen sie bis heute diese Übertragungskanäle an. Schon die opiumbefeuerte Literatur der europäischen Romantik greift daher nicht nur auf klassische, sondern auch auf archaische Motive zurück: die Pflanze als Werkzeug der Bewusstseinserweiterung und Medium der Wahrnehmung, als direkter Draht zum Geist der Natur.
Die Zerstörung des Tempels von Eleusis durch christliche Barbaren im 5. Jahrhundert markiert das Ende der minoisch-griechischen «Naturreligion». Jahrhunderte zuvor, in der Phase des Niedergangs der griechisch-römischen Kultur, war die heilige Blume der Demeter schon profanisiert worden und hatte sich als «little helper» im Alltag des Bürgertums durchgesetzt. In den Mohnfeldern von Mekone, wo laut der Prometheus-Sage das erste Treffen von Göttern und Menschen (!) stattgefunden haben soll, wurde Doping und Medizin für den Alltag produziert. Die persischen Soldaten Alexanders des Großen erhielten vor dem Kampf eine kleine Dosis Opium gegen die Angst, und in Rom schrieb Petronius über den Verfall der Sitten, dass man sich vollstopfe «mit den süßen Pillen aus Mohnsaft, die Freude und heitere Ruhe verheißen».
Die Schriftsteller waren diesem Zustand besonders zugeneigt: Horaz, Vergil und Juvenal galten ebenso als Opiumfreunde wie der Philosoph Plotin (205–270) – und sie wussten, wie alle User dieser Zeit, sehr wohl zu unterscheiden zwischen der inspirierenden, Seele und Geist öffnenden Qualität des Opiumrauschs und seiner narkotisierenden, betäubenden Seite. In der Medizin ist die schmerzstillende, schlafbringende Wirkung des Mohns seit Hippokrates bekannt, doch mit dem Aufkommen der asketischen Moral der Christen, die das Ertragen von körperlichen Schmerzen auf Erden mit einem Bonus im Himmel belohnt, ging der populäre Gebrauch vom 5. Jahrhundert an deutlich zurück.
Erst im 16. Jahrhundert wurde die Opium-Medizin wiederentdeckt. «Ich habe ein Arkanum / das heiß ich Laudanum» – das stärkste und wichtigste Heilmittel (Arkanum), das Paracelsus, der Alchemist alter Schule und Pionier der modernen Medizin, auf seinen Reisen durch das Studium der Volks- und Kräutermedizin entdeckt hatte, war nichts anderes als Mohnsaft. Ein begeisterter Nutzer des Mittels, Christopher Marlowe, verarbeitete die abenteuerliche Biographie des Paracelsus in einem Drama, Dr. Faustus, das Johann Wolfgang von Goethe 200 Jahre später zur Vorlage seines Faust nahm. Goethes Verse weisen ihn ebenso wie seine Apothekenrechnungen als Kenner aus:
In dir verehr ich Menschenwitz und Kunst
Du Inbegriff der holden Schlummersäfte
Du Auszug aller tödlich feinen Kräfte
Erweise deinem Meister seine Gunst!
Ich sehe dich, es wird der Schmerz gelindert
Ich fasse dich, das Streben wird gemindert
Des Geistes Flutstrom ebbet nach und nach
Ins hohe Meer werd ich hinausgewiesen,
Die Spiegelflut erglänzt zu meinen Füßen
Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag …
Lucys Xtra
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