Drogen auf Reisen TEIL 5: DIE KATHEDRALE

XtraIquitos, Peru

Elfen Bild: deviantart

Text Stefan Haag

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum.
Friedrich Schiller, 1785

IQUITOS. Im Hostal Alfert ist alles wie immer. Jesus lächelt milde von zwei Postern an der Wand, während die beiden Hauspapageien pöbelnd durch die muffligen Hotelgänge krächzen. Der gemütliche, überaus betagte Chef und Namensgeber, Señor Alfert, sitzt an seiner Rezeption beziehungsweise auf seinem Schaukelstuhl davor, starrt in den Fernseher und sinniert. Eine peruanische Amazonas-Idylle.

Das Alfert war in früheren Zeiten ein schäbiger Amazonas-Puff, hat sich jetzt aber auf die Beherbergung von Rucksacktouristen mit knappen Budgets und kurzer Aufenthaltsdauer spezialisiert. Immer noch schäbig, aber keine Nutten mehr. Und obwohl das Alfert in allen Reiseführern für Traveller an erster Stelle genannt wird, ist es meistens dennoch leer.

Señor Alfert scheint mit einer Zimmerbelegung von 20 Prozent durchaus leben zu können, und er denkt nicht im Traum daran, irgendwelche umsatzfördernden Attraktionen wie Hotelbar, Restaurant mit europäischen Speisen oder Traveller-Info-Austausch-Pinboard einzurichten. Er will sich die Geruhsamkeit seiner alten Tage nicht mit übertriebenem Marketing und der daraus folgenden Mehrarbeit verderben.

Nein, Señor Alfert will in erster Linie seine Ruhe haben. Und das ist auch gut so. Gäste wie dieser dubiose Schreiberling aus Alemania, die zwei, drei Monate am Stück bei ihm wohnen, pünktlich jeden Freitag die Miete abdrücken, aber sonst keine überflüssigen Fragen stellen (und natürlich auch keine gestellt bekommen möchten) und vor allem keinen Lärm machen, sind dem kauzigen Alten die allerliebsten.

Langer Rede kurzer Sinn: Das Alfert ist eine langweilige Absteige, in der niemand länger als nötig bleibt. Außer ich halt. Denn sie hat durchaus ihre Vorteile und Attraktionen, wie freie Sicht auf das Amazonasmorast gebaute Pfahldorf und den Fußballplatz, mit den Samstagsspielen zwischen den Stadtteilen San Antonio und Belen. Und natürlich – etwas wichtiger als die fußballspielende Dorfjugend – es gibt (oder es gab wenigstens) einen hoteleigenen Dealer, der mich zuverlässig versorgt, ohne dass ich das Haus verlassen muss.

Lucys Xtra

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