Text: Betty G. Eisner
Dies ist die Geschichte einer außergewöhnlichen Reise von fünf Mitgliedern unserer Forschungsgruppe zu María Sabina während der sechziger Jahre. Dank der Magie der psilocybinhaltigen Pilze und Marías Ritual konnten wir alle weit über die Grenzen der Realität hinaus reisen und kehrten als andere Menschen zurück.
Unsere Gruppe kam ursprünglich zusammen, um ein Modell für den legitimen Gebrauch psychedelischer Drogen zur Potentierung der Psychotherapie zu finden. LSD, alleine oder in Kombination mit anderen Drogen, sowie andere Derivate empfanden wir als wertvoll. Auch Psilocybin hielten wir für brauchbar, aber für nicht so potent oder langanhaltend wie LSD. Wir wollten den Zauberpilz erproben, um zu sehen, ob es einen Unterschied zwischen dem natürlichen und dem synthetischen Stoff gibt, wie bei Peyote und Meskalin.
Von Puerto Vallarta (Oaxaca) aus, wo wir oft den Sommer zusammen verbrachten, haben wir 1965 versucht, den Kontakt zu María Sabina herzustellen und sie um eine Pilzzeremonie zu bitten. Zwei Jahre später reisten schließlich fünf von uns den langen und beschwerlichen Weg auf den Berg María Sabinas, um den »Ort der Adler« (d.i. Huautla de Jiménez), den »Ort, an dem die Welt geboren wurde« zu erleben und kennenzulernen.
Unsere Gruppe bestand aus mir, einer Psychotherapeutin, meinem Mann Mark, der als Ingenieur eine Abteilung der Rand Corporation leitete, Matt, der ebenfalls Ingenieur war, George, ein Statistiker von der Universität von Kalifornien in Los Angeles, und Raul, unser mexikanischer »Bruder«, der das Kraftwerk, das von Mark und ihm in Puerto Vallarta errichtet wurde, managte. Alle von uns hatten bereits psychedelische Erfahrungen mit einer Anzahl halluzinogener Substanzen, sowohl bei Forschungsprojekten als auch im psychotherapeutischen Setting.
Wir waren bereits 1629 Meilen von Los Angeles nach Puerto Vallarta gefahren, hatten drei Wüsten und schließlich die immergrünen Tropen durchquert, als wir unsere Kräfte sammelten und den Kleinbus für das letzte Stück unserer Reise bepackten. Es ging von Puerto Vallarta aus 938 Meilen über eine manchmal holperige Straße, an Guadalajara und Mexiko-Stadt vorbei nach Tehuacán, das nördlich von Oaxaca Stadt liegt. Weitere 40 Meilen fuhren wir von Tehuacán nach Teotitlán (»Stadt der Götter«), wo abrupt die asphaltierte Straße endete. Dort wurde uns gesagt, dass es nach Huautla nur 18 oder 19 Meilen seien, aber der Streckenmesser verriet uns, dass wir 63,5 harte und holprige Meilen durch überflutete, ausgefahrene, enge Wege und Schlammlöcher überwinden mussten, um endlich, nach viereinhalb Stunden, am Ziel unserer Reise anzukommen.
Ankunft in Huautla
»Die Hauptstraße geht rechts ab«, sagte eine sanfte Stimme auf Spanisch, die von einer Gestalt, die sich aus der Dunkelheit heraus vor uns materialisierte, stammte, als wir schließlich in Huautla angelangt waren. Die Straße war ein Schlammfluss, der sich um den Höhenzug herumwand. Wir kämpften uns unter allerhand Schwierigkeiten flussaufwärts und fanden uns plötzlich vor der Betontreppe eines steilen Gebäudes wieder. Es war das Hotel Lucy.
»¿Hongos?«, fragte eine Stimme, als uns eine Hand am Ärmel packte und uns aus dem Kleinbus heraushalf: »Pilze?«. Wir taten so, als hätten wir nichts gehört, und stiegen die Stufen hinauf. Als wir endlich den Manager gefunden hatten, sagte er, sie hätten von uns keinen Brief erhalten. Für eine gute halbe Stunde war kein trockener Platz zur Erholung in Aussicht. Schließlich wurden wir doch noch, im Schein einer Taschenlampe, in zwei winzige Zellen geführt. Draußen goss es in Strömen. Unsere Coleman-Laterne erleuchtete die zwei Feldbetten und den einsamen Stuhl in jedem Zimmer. In Huautla gab es keine Elektrizität. Auch mussten wir feststellen, dass es kein fließendes Wasser gab, weil ein Erdrutsch die Versorgung unterbrochen hatte.
Nachdem wir unsere Kühlbox und unsere anderen Klamotten die Treppe hinaufbugsiert hatten – bei jedem Gang wurden wir noch mehr vom Regen durchweicht – holten wir eine Flasche Wodka und Limonen hervor, um auf unser Abenteuer anzustoßen. Wir hatten den ersten Schritt geschafft.
Dann zog Raul los und kam bald zurück, um uns mitzuteilen, dass María Sabina weiter oben in den Bergen wohnte und dass die Stadt mit Hippies überflutet sei. »Ich glaube, es ist besser, wenn wir vor sieben Uhr aufbrechen, um nicht mit ihnen zusammenzustoßen«, fügte er hinzu. Wir waren glücklich, endlich auf die Feldbetten zu fallen, und waren dankbar dafür, im Warmen und Trockenen zu sein und nicht mit dem Kleinbus weiterhin durch die Sintflut fahren zu müssen.
Der Aufstieg zu María Sabina
Am Morgen hatte es aufgehört zu regnen, und die Dämmerung war sanft. Wir waren sprachlos, als wir unsere Unterkunft zwischen den tiefgrünen aufwärtsstrebenden Hügeln und den leuchtend grünen Tälern liegen sahen. »Shangri-La!«, rief George begeistert, die Beschreibung eines Freundes zitierend. »Dafür ist es viel zu mexikanisch«, entgegnete Mark pragmatisch.
Das Hotel überragte zwei lange Reihen von Marktständen mit Wellblechdächern; es stand an einem Hügel darüber und gab den Blick auf das Panorama frei. Daraus ragten ein alter Kirchturm und ein mit einem Baugerüst umhüllter Dom hervor. Vor der Kirche spielten die Jungen im frühen Morgenlicht Basketball. Eine Abteilung von Soldaten machte im Hof ihrer daran angrenzenden Quartiere Freiübungen, bei denen sie mit über den Köpfen gehaltenen Gewehren hin- und herliefen. Wir konnten erkennen, dass der größte Teil der Stadt an der Bergseite der Straße lag.
Mit einiger Überredungskunst gelang es Raul, den Sohn des Hotelmanagers davon zu überzeugen, uns den Weg zu María Sabina zu zeigen und uns als Übersetzer vom Mazatekischen ins Spanische behilflich zu sein.
Es dauerte nicht lange, und wir erreichten die Stelle des Landrutsches, wo die Wasserleitung repariert wurde. Wir krochen auf der aufgewühlten Straße, die eher einem Flussbett glich, an dieser Stelle vorbei. Ein Teil der Straße war mit scharfkantigen, unbearbeiteten Steinen, direkt aus dem Steinbruch, ausgebessert worden. Der Kleinbus sprang und hüpfte über den Schotter und glitschte dann in den Schlamm. Bald wurde die Straße zu steil, die Schlaglöcher wurden immer tiefer, und der rote Ton wurde immer glitschiger für eine Weiterfahrt.
Ich bestand darauf, dass Mark den Bus umdrehte und mit der Schnauze bergabwärts parkte. Wir nahmen unsere Sachen aus dem Wagen. Ich hatte keine Ahnung, wie es uns nach der Zeremonie gehen würde. Es war eine weise Entscheidung, wie sich später herausstellte. Huautla liegt auf 7000 Fuß Höhe und María Sabinas Haus auf nahezu 8000 Fuß; ein schwieriger Aufstieg trotz geringer Entfernung. Wir balancierten unseren Sack mit Klamotten, einen Arztkoffer, kalte Getränke und Kameras über eine kurze Strecke, als uns bereits der Atem ausging und wir stoppen mussten. Je höher wir kamen, desto mehr wechselten die Häuser von verputzten Steinbauten zu Adobegebäuden mit Dächern aus Mais- oder Rohrstauden.
Bei jedem unserer Schritte über den schlüpfrigen Weg wurden wir von den Fenstern aus oder von Gruppen, die sich unter den überhängenden Dächern versammelt hatten, angestarrt. Uns trafen auch die heimlichen Blicke der entgegenkommenden Indianer, die den Berg heruntertrotteten, beladen mit Bündeln von Maisstauden oder riesige Holzplanken auf dem Rücken balancierend, die mit einem Stirnband am Kopf gehalten wurden. Sie waren klein und stämmig, reserviert, aber nicht unfreundlich, mit dicken Hälsen und flachen Gesichtern, sehr ähnlich wie die yucatekischen Maya oder die Navajos.
Die Frauen standen immer in Gruppen, unter sich oder mit einer Schar von Kindern umgeben. Sie trugen weiße Kleider mit breiten Bändern, die mit roten Blumen bestickt waren und um den Hals und am Saum angebracht waren. Die Frauen in Yucatán tragen ähnliche Gewänder, allerdings sind sie farbiger verziert. Wir waren über die Selbstbeherrschung dieser Leute und die Würde ihrer Neugier echt erstaunt.
Bei María Sabina
Schon bald wandelte sich die Straße zu einem leuchtendroten Weg mit orangefarbenen und gelben Flecken. Das Rot und das Orange bildeten einen heftigen Kontrast zum hellen Grün der Kaffeepflanzen und Maisfelder. Der Pfad schlängelte sich den steilen Hang hinauf.
Schließlich erreichten wir María Sabinas Haus, kaum mehr als eine Hütte, direkt am Weg unterhalb des Bergrückens liegend. Von dort hatte man einen wunderbaren Blick über die grünen Berge unter uns und die Wolken über uns. Dieses Haus, sieben Armlängen lang, mit Holzwänden und einem Dach aus Zuckerrohrblättern, hatte María Sabina gebaut, nachdem ihr zweiter Mann verstorben war. Die Wände bestanden aus rohen Hölzern, einige Planken ragten nicht einmal bis zum festgetretenen Erdboden herunter.
Innen brannte ein Feuer, das zwischen drei oder vier Steinen knisterte. Daneben stand ein Topf. Der Rauch sollte eigentlich an dem einen oder anderen Ende des Daches abziehen, aber der stetige Wind hielt ihn in der Hütte gefangen. Wir mussten den Rauch mehrfach einatmen, bevor er endlich abzog. Das Strohdach über dem Feuer war tief verfärbt, wie Mahagoni.
Die Einrichtung war dürftig: zwei Holzbänke, ein Hocker, ein kurzes Bett, bedeckt mit einer petate, und eine uralte Nähmaschine mit Fußantrieb, die auf vier Steinen stand. Ein daran anschließender Raum, der mit Wellpappe gedeckt war, diente als Laden, in dem Seife, Öl und Getränke verkauft wurden.
Eine wunderschöne junge Mazatekin, mit einem Kind auf dem Arm, bat uns herein. Ihr Sohn, ein helläugiger fünfjähriger Junge, versuchte für uns das Feuer anzufachen, indem er in die Glut blies. Da er sich sehr verausgabte, gab ich ihm etwas von unserem Toilettenpapier, sodass er es als Fächer benutzen konnte. Aber anstelle es dafür zu gebrauchen, steckte er es sich schnell in die Tasche. Erst als seine Mutter in die Glut blies, loderte das Feuer auf.
»María Sabina, meine Mutter«, sagte ein Mann, der plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht war. Er sah die Maisstauden, die Raul für uns besorgt hatte, damit wir darauf liegen konnten, und fuhr die junge Frau, offensichtlich seine Frau, an. Sein Ärger wich einem Lächeln, als er herausfand, dass es sich um unsere eigenen Maisstauden handelte. In einer seltsamen Mischung aus sonderbar ausgesprochenen spanischen und mazatekischen Wörtern fragte er nach Zigaretten; er sagte, wir würden sie für die Zeremonie brauchen, besser noch wären Zigarren. Er runzelte die Stirn und verlangte nach Geld, um Zigarren zu kaufen.
Raul gab ihm zwei Pesos, mit denen er verschwand. Der Junge, der auf der anderen Seite der Straße wohnte, erzählte Raul später, dass der Mann alles Geld seiner Mutter (oder war María Sabina seine Großmutter?) abnahm und dass in ihm etwas Schlechtes stecke. Ich spürte den Geschmack der Paranoia. In späteren Gesprächen behauptete er, dass er für die Zeremonien sehr wichtig sei und dass ohne ihn nichts laufen würde.
Es erschreckte uns, dass alle, die in die Tür kamen oder sich zum Fenster hereinlehnten, uns anstarrten und behaupteten, María Sabina sei ihre Mutter. Wir vermuteten, dass die junge Frau entweder die Schwiegertochter oder die Großschwiegertochter sein müsse, aber all die anderen? Wollten sie alle an María Sabinas Berühmtheit teilhaben? Gab es tatsächlich so viele Nichten und Neffen und Enkel, die sie »Mutter« nannten? Oder lag es daran, wie wir später erfuhren, dass María Sabina eine von zehn Frauen einer Schwesternschaft war, die die »Mütter« genannt wurden?
Es erschien uns merkwürdig, dass María Sabina eine fromme Katholikin war. Als Mitglied der »Schwesternschaft vom Herzen Jesu« erfüllten sie und die anderen neun »Mütter« viele kirchliche Pflichten. María Sabina glaubte aber auch an die Götter und Geister der Indianer. Sie kombinierte problemlos die kirchlichen Heiligen mit den Grundprinzipien jener, Jesus und Benito Juárez sowie die Herren der Berge miteinander.
María Sabinas Schwiegertochter machte uns Kaffee. Dazu kochte sie den örtlichen Kaffee mit einem bernsteinfarbenen Stück Zuckerrohr auf. Mit einer kleinen Kürbisschale schöpften wir die dampfende Flüssigkeit aus dem Topf und füllten sie in Styroporbecher, die wir mitgebracht hatten. Sie war heiß und wurde für uns zu Nektar und Ambrosia. Uns war kalt in der kühlen Höhenluft. Gegessen hatten wir zuletzt am vorigen Abend in unserem Kleinbus. Man gab uns außerdem Kürbiskerne, die wir knacken und essen konnten. Wir glaubten nicht, dass dadurch unser Vorsatz, vor der Zeremonie zu fasten, gebrochen werden würde.
Wir gaben dem kleinen Jungen einen Plastikbecher, einen anderen gaben wir seiner Mutter. Der Junge war ekstatisch begeistert, obwohl Raul ihn warnte, dass der Becher sehr zerbrechlich sei. Später fanden wir heraus, dass er bereits vier Becher gesammelt hatte – er war der »Kapitalist« seiner Altersgruppe. Den ganzen Tag fragten uns Kinder nach Plastikbechern, aber wir hatten nur die zwei zum Verschenken.
Die Kommunikation war schwierig, da die junge Frau nur Mazatekisch sprach. Mit der Hilfe mehrerer Übersetzer erfuhren wir letztendlich, dass María Sabina tags zuvor ins Dorf hinunter gegangen war, weil sie hoffte, von uns eine Nachricht vorzufinden. Raul erspähte einen kreisenden Adler und ging nach draußen. Auf der anderen Straßenseite lebte ein junger Kaffeebauer, der für uns übersetzte, nachdem García Rojas’ Sohn uns verlassen hatte. Von ihm lernte Raul, dass Huautla »Ort, wo die Adler ihr Nest bauen« heißt. Er war erstaunt, als ihm der Kaffeebauer erzählte, dass viele Leute in der Stadt etwas gegen María Sabina hätten, dass sie »nicht gerade die meist geachtete Frau« wäre und dass viele den Pilzen nicht trauten und sie fürchteten. Auch hörte Raul, dass in den letzten Tagen ein paar Amerikaner Pilze genommen hatten und verrückt spielten, Hühner mit ihren Händen zerrissen hätten.
Raul beauftragte einen Jungen, ins Dorf hinunterzugehen und María Sabina die Nachricht zu überbringen, dass wir in ihrer Hütte auf sie warten würden. Dazu zerriss er eine 10-Pesos-Note, gab ihm die eine Hälfte und versprach ihm – bei seiner Rückkehr – die andere.
Warten auf die Curandera
Als der Sohn (oder Enkel) das Haus verlassen hatte, diskutierten wir darüber, wann wir die Pilze einnehmen sollten. Uns wurde gesagt, dass uns María Sabina erst am Abend um acht Uhr erwartet hatte, denn normalerweise würde die Zeremonie immer nachts stattfinden. Als wir sagten, wir wollten die Pilze, sobald sie erschiene, schüttelten die Leute die Köpfe. Wir erklärten ihnen, dass ich ein Doktor sei und wir alle mit Substanzen, die wie die Pilze seien, Erfahrungen hätten. Während der Diskussion zeigte sich der Sohn mal als harter, bestimmender Hausherr, mal als schmeichlerischer Diener.
Lucys Xtra
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