Genf plant medizinische Verschreibung von Kokain

Bekämpfung der Crack-Epidemie

Genf, Schweiz – In einem bislang einmaligen Pilotprojekt will das Universitätsspital Genf schwer abhängigen Crack-Konsumentinnen und -Konsumenten in den kommenden Monaten pharmakologisch kontrolliertes Kokain verschreiben. Damit folgt die Stadt einem Ansatz, der sich am erfolgreichen Vier-Säulen-Modell der Heroinabgabe orientiert und Drogenkonsum als gesundheitliche Herausforderung statt als kriminalpolitisches Problem behandelt.

Die Zahl der Crack-Abhängigen in Genf hat in den letzten Jahren stark zugenommen, begleitet von sichtbaren Szenen in Parks und öffentlichen Räumen sowie entsprechenden Berichten der Koordinations- und Fachstelle Sucht (Infodrog) und kantonaler Gesundheitsämter. In der Folge wurde die klassische repressiv-polizeiliche Strategie zunehmend infrage gestellt.

Kokainverschreibung statt Strafverfolgung

Daniele Zullino, Leiter der Genfer Suchtpsychiatrie und langjähriger Wegbereiter der heroingestützten Behandlung, treibt das Projekt voran. Er betont, dass es sich nicht um einen Konsumraum, sondern um ein therapeutisches Angebot handele: Kokain werde ärztlich verschrieben, nicht verkauft. Das Ziel sei Schadensminderung und Stabilisierung, nicht Genuss oder Freizeitkonsum.

Das Konzept sieht vor, dass die Substanz unter kontrollierten medizinischen Bedingungen bereitgestellt wird – vorübergehend auch in der rauchbaren „Freebase“-Form, die bei Crack-Sucht typischerweise konsumiert wird. Begleitend erhalten Teilnehmende länger wirkende Amphetamine, um den Suchtdruck zwischen den Kokain-Dosen zu reduzieren.

Pragmatismus statt Abstinenzdogma

Der Ansatz lehnt sich an frühere Erfahrungen der Schweizer Drogenpolitik an: In den 1990er-Jahren hatte Zürich mit der kontrollierten Abgabe von Heroin ähnliche pragmatische Wege beschritten. Damals konnten dadurch Überdosierungen, Beschaffungskriminalität und gesundheitliche Risiken gesenkt werden. Zullino und andere Befürworter sehen in der kontrollierten Verschreibung von Kokain einen logischen nächsten Schritt im Bereich der Schadensminderung.

Kritiker und Skeptiker gibt es dennoch: Fachstellenbetreuer in anderen Kantonen wie Basel-Stadt beobachten das Projekt aufmerksam, halten aber einen flächendeckenden Einsatz derzeit noch für nicht realistisch. Zudem äußerten manche Crack-Konsumenten selbst Skepsis gegenüber einer solchen Behandlungsmethode.

Offene Fragen und gesellschaftliche Debatte

Zentrale Fragen – etwa zur dauerhaften Wirksamkeit, den Kosten und zur gesellschaftlichen Akzeptanz – bleiben offen. Befürworter argumentieren, dass ein geregelter, medizinisch begleiteter Zugang das Leben stark abhängiger Menschen stabilisieren und soziale Folgekosten reduzieren könne. Gegner sehen Risiken durch Normalisierung oder mögliche rechtliche Grauzonen.

Das Genfer Projekt markiert einen bemerkenswerten Schritt in der europäischen Drogenpolitik: Es setzt auf medizinische Kontrolle statt auf Repression und ist weltweit bislang ohne Vergleich. Beobachter in der Schweiz und darüber hinaus verfolgen die Entwicklung mit großem Interesse.

Quelle: Infosperber