Im Reich der Nachtschatten

XtraEthnobotanik: Hexenpflanzen und Feenkräuter

Bilsenkraut (Hyoscyamus niger). Foto: Wolfgang Bauer

Text und Fotos: Wolfgang Bauer

Stechäpfel im Kaffee

Das erste Mal in meinem Leben kam ich als Jugendlicher über eine Lektüre mit einem Nachtschattengewächs in Berührung. Auf der Suche nach spannendem Lesestoff fielen mir in der Frankfurter Stadtbücherei die Memoiren von Otto Mayer mit dem Titel „Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen. Indisches und Allzu-Indisches“ (Dresden 1922) in die Hände. Mayer hatte viele Jahre als Berater, Privatsekretär und Palastvorsteher für indische Fürsten gearbeitet. Spannend erzählt er in seinem Buch von Menschen und Tieren und ihren Eigenarten. Als er 1904 seinen letzten Dienstherren, Dschagotdschit Singh, den Maharadscha von Kapurthala, in Madrid beim Besuch eines Varietés begleitete, verliebte sich dieser unsterblich in Anita Delgado, eine blutjunge, bildschöne Gitana aus Málaga. Anita und ihre Schwester hatten den Fürsten mit ihren erotischen Tanzeinlagen überaus begeistert. Durch Mayers Vermittlung überließ Mutter Delgado dem Fürsten nach langen zähen Verhandlungen ihre Tochter für eine Ablösesumme von 20.000 Franken. Jetzt konnte er sie, seine geliebte „Lotusblume“, als Lieblingsfrau mit in seinen Palast nehmen. Er hatte ihr auf Verlangen der Mutter außerdem monatlich 2.000 Franken für ihren Unterhalt zu zahlen. Anita, die andere Vorstellungen von ihrer Stellung als die einer Geliebten und Nebenfrau am Hof hatte, trat alsbald zum Hinduglauben über. Als frischgebackene Rani Umedi verlangte sie, jetzt nach den Lehren der Hindu und den Kastenvorschriften der Sikh seine rechtmäßige Gattin, auch als einzige gesetzesmäßige Gemahlin des Maharadschas anerkannt zu werden.

Der Maharadscha, der Anita mittlerweile hörig war, ließ seine vorherige Maharani und die anderen Ranis eilig aus dem Palast ausquartieren und in einer weit entfernten Villa unterbringen. Als die Rani, die sich jetzt vor Besuchern als geborene Baronin Anita del Gado de Málaga ausgab, von ihrem Gatten erfuhr, dass er bereit gewesen war, ihrer Mutter 100.000 Franken zu zahlen, Mayer aber nur ein Fünftel dieser Summe geboten hatte, um die schwachbestückte Kasse des Fürsten zu schonen, tat sie alles, um Mayer, der ja auch wusste, aus welchen einfachen Verhältnissen (Vater Servierkellner und die Mutter Logenschließerin am Theater) sie wirklich stammte, loszuwerden. Erst gingen zwei Rennpferde und mehrere Jagdhunde, über die Mayer die Aufsicht hatte, offensichtlich vergiftet, ein, Dann brannten große Heuschober und auch in der Futterkammer des Marstalls brach ein Feuer aus. Als Mayer von einem Morgenritt zurückkam und wie gewöhnlich ein Glas eisgekühlten, schwarzen Kaffees trank, das auf der Veranda seines Bungalows bereitstand, fiel er vollständig gelähmt zu Boden. „Ich wusste sofort, dass ich vergiftet worden sei, doch womit? Welche Wirkungen würde das Gift auslösen? Würde ich sterben oder nur gelähmt bleiben? Was war schlimmer? Welche Schmerzen standen mir noch bevor? Vor der Hand spürte ich nur immer stärker werdende Krämpfe im Leibe. Doch ich vermochte mich weder zu rühren noch einen Laut hervorzubringen. Wie ein Klotz lag ich auf dem Boden, inmitten der Stühle und Tische, ebenso leblos wie sie. Aber in meinem Gehirn jagten sich die Gedanken.“ (1) Mayers kräftige Natur rettete ihm sein Leben. Zehn Tage lag er zwischen Tod und Leben danieder. Wie sich herausstellte, hatte man ihn mit Stechapfel vergiftet. Widerstrebend willigte der Maharadscha in Mayers Entlassungsgesuch ein, setzte ihm eine Leibrente aus und ließ ihn nach Europa zurückreisen. Die Rani hatte ihr Ziel erreicht.

Rauchkräuter aus der Waldapotheke

In den sechziger Jahren litt meine damalige Lebensgefährtin Maritta an Asthmaanfällen. Neben Medikamenten setzte sie auch Asthmazigaretten ein. Die Wirkung war jedes Mal erstaunlich: Die Verkrampfung löste sich sofort. Sie konnte frei atmen und wieder anstrengungslos sprechen. Sie wirkte, trotz der vorangegangenen Todesangst zu ersticken, plötzlich heiter, gelöst, ja geradezu glücklich. Später als die Asthmazigaretten nicht mehr von Apotheken verkauft wurden, konnte sie mit dem Aerosol, das sie dann benutzten musste, zwar den Anfall kupieren, zeigte sich aber nicht mehr in der Stimmung wie nach dem Konsum der Zigaretten. Meine Tante Helene Bauer, die in Neustadt/Kreis Marburg, dem Geburtsort meines Vaters, wegen ihres umfangreichen Wissens über probate Hausmittel als kräuterkundige Gemeindeschwester sehr geschätzt war (2), hatte eine Erklärung parat. Die Blätter des Stechapfels und des Bilsenkrautes in den Asthmazigaretten hätten, im Gegensatz zu den Wirkstoffen der Aerosole der Pharmaindustrie, auch euphorisierende Wirkungen gehabt. Ich möge mich doch bitte an den „Haustabak“ meines Großvaters Heinrich Bauer erinnern. Während des Krieges und in der Nachkriegszeit baute er seinen Tabak selbst an und „verbesserte“ ihn mit Huflattich- und Hanfblättern und mit „speziellen“ Kräutern, die er aus dem Wald holte. Sonntags, am Nachmittag, saß er im Lehnstuhl, hörte auf das monotone Ticktack der Schwarzwälder Uhr über ihm, hatte die schnurrende Katze auf dem Schoß und schmauchte seine Pfeife. So wunschlos glücklich wie er aussah, schien er mit Gott und der Welt mehr als zufrieden.

Die Magie der Hexenpflanzen und Feenkräuter

1971, als Herausgeber der Buchreihe „Merlins Bibliothek der geheimen Wissenschaften und magischen Künste“ auf der Suche nach geeigneten Manuskripten, kam ich auf Anregung des Ethnologen Mark Münzel in Kontakt mit dem Schweizer volkskundlichen Schriftsteller Sergius Golowin. Sein Manuskript (mit dem Arbeitstitel „Astronauten der Märchenwelt“) über Hexenkräuter und Zauberpilze faszinierte mich. 1974 erschien es unter dem, unser beider Beschäftigung mit den Schriften des amerikanischen Schriftstellers H.P. Lovecraft geschuldeten Titel „Die Magie der verbotenen Märchen. Von Hexendrogen und Feenkräutern“ im Hamburger Merlin Verlag. Für Golowin enthalten Märchen und Sagen Hinweise auf magische Praktiken und Regeln, auf (Ver)Zaubertechniken, auf Fundorte, Umgang mit und Wirkung von psychisch wirksamen Pflanzen und Pilzen. Sage und Märchen unterscheiden sich auf diesem Hintergrund in einem wichtigen Merkmal:

  • „Die Sage ist in sehr vielen Fällen die Schilderung von wunderbaren, häufig mit pflanzlichen Hilfsmitteln bewirkten Seelenreisen. Trips, aber sozusagen stets vom Standpunkt des Uneingeweihten, des Außenstehenden, des erstaunten, zweifelnden oder gläubigen, entsetzten oder bewundernden Beobachters.“
  • „Das Märchen dagegen ist das zu mehr oder weniger spannenden Geschichten umgestaltete Bild der gleichen Vorgänge – nur, zumindest in ihrem ursprünglichen Kern, vom Standpunkt der Menschen aus, die selber auf diese rätselhaften ‚Reisen‘ gingen.“

Märchen wären also Berichte über die Erlebnisse, die unsere kraut-, pilz- und wurzelkundigen Vorfahren hatten, wenn sie auf ‘Fahrt‘ gingen. Golowin diskutiert in diesem Zusammenhang auch die Möglichkeit, dass diese Pflanzen jeweils bestimmte Vorstellungskomplexe beim Konsumenten aufrufen/verstärken können und dass solchen Erlebnissen typische Symbolkreise als Rahmen (aber mit jeweils individuellen Inhalten) gemeinsam sein können.

1976 traf ich in Frankfurt Hans Peter Duerr, den Ethnologen und späteren Autor des Buches „Traumzeit: Über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation“ (Frankfurt/Main 1978). Wir tauschten aus, was wir über unsere Experimente mit geistbewegenden Substanzen wussten. Ich erzählte von Erfahrungen mit dem Konsum von Fliegenpilzen, er vom Fliegen mit den Samen des Stechapfels. Sein Bericht über die Einnahme von 20 Stechapfelsamen:

„Ich habe 2, 3 Stunden gewartet. Der Bekannte hatte gesagt, dass nach einer halben Stunde schon eine Wirkung eintritt, und es war aber nichts. Dann habe ich mich ins Bett gelegt und kaum machte ich die Augen zu, als ich so ein Gefühl hatte, wie man es vielleicht mit Fliegen umschreiben könnte. Und zwar bin ich mit ziemlich großer Geschwindigkeit nach oben gesaust und wenn ich runter schaute, merkte ich, dass ich mit großer Geschwindigkeit vom Boden abhebe. Und wenn ich die Augen aufgemacht habe, lag ich im Bett, aber ich merkte, dass es so nebelhaft um mich herum wird, ich konnte also ziemlich wenig sehen. Und wenn ich die Augen zugemacht habe, dann ging’s weiter nach oben. Es kam mir so vor, als ob ich mit dem Auto fahre, aber das Lenkradschloss ist noch drin, also ich komme nur in eine Richtung, aber nicht in die Kurve, ich bin einfach nur in die Höhe. Und da dachte ich mir auch dann hinterher, bei diesen Hexensalben, die sind von ihren Bestandteilen her vielleicht genau in ihrer Wirkungsweise aufeinander abgestimmt gewesen.“ (3)

Im Wörterwunderwald – ein psychonautisches Abenteuer

Golowin hatte sich nicht nur als Bibliothekar in Burgdorf durch viele alte und seltene Schriften zu den Themen der Hexenwissenschaften durchgearbeitet, er schätzte auch praktische Erfahrungen in diesem Bereich. 1978 luden er und seine Frau Migki mich zu einem Sommerfest auf ihre Alm ein. Vor dem urigen Hüttchen hielten die feenhaften Damen des Hauses für die Gäste köstliche Kuchen und duftende Tees bereit. Danach gingen die Männer daran, im Hüttchen eine große „Familienhuka“ vorzubereiten. Sergius sagte: „Jetzt haben wir den Leib gestärkt, jetzt sollen auch unsere Seelen sich stärken.“ Ein Viertelpfund besten Haschisch, gerade aus Afghanistan eingetroffen, wurde in die Huka gegeben und mit einer guten Handvoll Stechapfelsamen bestreut. Mir, dem deutschen Gast, oblag es, das Gerät anzurauchen, so sehr ich mich auch, als Nichtraucher, dagegen sträubte. Nach drei, vier tiefen Zügen riss es mich von den Beinen. Ich konnte mich gerade noch mit einem Kissen im Rücken an der Wand anlehnen. Als die Reihe an mich kam, erneut einen weiteren Zug zu nehmen, schüttelte ich den Kopf. Sprechen konnte ich nicht mehr. Als jüngere Gäste musizierten und dazu Schweizer Mundartlieder sangen, merkte ich, dass ich die Musik nicht nur hörte, sondern zu meiner größten Überraschung auch als Farben sah. Normalerweise verstand ich kein Wort Schwyzerdütsch. In dem Bewusstseinszustand aber, indem ich mich jetzt befand, erschloss sich mir der Sinn eines jeden Wortes. Nach einer Weile nahm ich nur noch Wortfetzen wahr. Und plötzlich zeigten die Worte mir vor meinen inneren Augen ihre „Wurzeln“. Ich bestaunte (ich kam mir dabei vor wie Alice im Wunderland) in einem „Wörterwald“ die vielen unterschiedlichen Wortwurzeln von A bis Z und sinnierte darüber, ob es vielleicht doch eine gemeinsame Ursprache des Menschen gebe (4). Sobald einer der Anwesenden ein Wort sagen wollte, sah ich, wie viele kleine Gnome zu den Wortwurzeln rannten, sie aus ihrem Untergrund lösten und sie feixend und kichernd mit den anderen Wortwurzeln zu dem gewünschten Wort fügten. Zum Beispiel montierten sie auf diese Weise das Wort „Metamorphosen“ äußerst kunstfertig zusammen und schoben es dem Sprechenden dann als „Wortstamm“ zum „Abkauen“ in den Mund.

Lucys Xtra

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