Text: Christian Rätsch
Wenn aber ein verkehrter Mann die rechten Mittel gebraucht, so wirkt das rechte Mittel verkehrt.
Chinesische Weisheit
Mache einen Umweg, wenn du es eilig hast!
Japanische Weisheit
Ritualstruktur
Die psychedelischen Rituale, die der Erkenntnis von Raum und Zeit, Eros und Psyche, Persönlichkeit und Universum oder der Reise nach Akasha dienen, basieren auf einer gemeinsamen Grundstruktur. Diese Struktur zieht sich durch alle Epochen und Kulturen, ja, diese Struktur scheint gerade Raum und Zeit zu verbinden.
Ein psychedelisches Ritual ist eine Einweihung in ein gewöhnlich nicht erreichbares Wissen, es ist die transpersonale Reise in den mystischen Raum, es ist vielleicht der extremste Weg, um zur Erkenntnis zu gelangen. Der Initiant muss viel Mut mitbringen, denn nicht jede Erkenntnis ist beglückend. Wer an einem psychedelischen Ritual teilnehmen möchte, muss vollkommen selbstverantwortlich sein. Er darf das Heil nicht in der Außenwelt, nicht in anderen Menschen sehen, er muss es in seinem eigenen Bewusstsein suchen. Er wird bald begreifen, dass es nur dort zu finden ist.
Die Erkenntnis, dass der Gral nur im eigenen Bewusstsein erglüht, ist fast schon banal, aber für die meisten Menschen dennoch irreal. Wer Angst vor den psychedelischen Pflanzen hat, hat nur Angst vor sich selber, vor seinen eigenen Abgründen. Wem die Reise in den eigenen Abgrund zu gefährlich ist, der sollte lieber die Finger von den Zauberkräutern lassen. Es scheint auch eine Art psychedelischer Begabung zu geben. Nicht jeder Mensch reagiert auf den gleichen Stimulus oder denselben Katalysator in gleicher oder auch nur ähnlicher Weise. Nicht jedes Molekül findet den richtigen Rezeptor. Wer aber den Ruf der Götterpflanzen vernimmt und sich von ihnen belehren lassen will, der sollte versuchen, sich von der Weisheit der Naturvölker und der alten Kulturen anregen zu lassen. Wer wirklich in den mystischen Raum, zu den Wurzeln der Kultur reisen möchte, dem sei eine entsprechende Reiseausrüstung angeraten.
Die psychedelische Pflanze ist der Treibstoff, das Ritual aber das Vehikel. Beide Faktoren müssen zusammenpassen und von den Reisenden bedient werden können. Die grundlegende Struktur der psychedelischen Einweihungs- und Erkenntnisrituale sieht so aus:
| Phase Vorbereitung Durchführung Einnahme der Pflanze Nachbereitung | Innerer Prozess Fragestellung Reinigung Schaffung des heiligen Raumes Vision Erkenntnis Antworten finden Probleme lösen | Äußere Handlung Kontemplation Besinnung Räucherung, Musik hören, Mantren/Zaubersprüche Visionen mitteilen |
Orte
Psychedelische Rituale verlangen besondere Orte oder Räumlichkeiten. In allen psychedelischen Kulturen wird für die Durchführung des Rituals ein heiliger Raum geschaffen, denn er ist der Ort der heiligen Zeit, der Ort des Rituals. Da das Ritual deutlich von der Alltagswelt abgegrenzt wird, muss sich auch der Ort des Geschehens von dem Alltag abgrenzen. Es kann ein alter Kultplatz in der Natur sein (heilige Haine, bei natürlichen Shiva-linga, besonderen Felsformationen, Quellen). Es kann eine Höhle sein, oder ein extra dafür hergerichtetes Bauwerk (Tempel, Pyramiden, Gräber, Bäder, Brunnen). Auf jeden Fall sollte dieser Ort nicht mit dem alltäglichen Wachbewusstsein durchtränkt worden sein. Man sollte den Ort nur aufsuchen, wenn man ein Ritual durchführen will. Der Ort soll heilig sein und auch heilig bleiben. Er wird durch das Ritual geweiht.
In traditionellen Kulturen gibt es meist alte Bauwerke, besondere Pilgerorte oder heilige Gebiete, in die sich der Erkenntnissuchende zurückzieht. Im heiligen Bezirk soll sich der Initiant einen eigenen Platz, der ihm starke, gute Gefühle vermittelt, suchen, an dem er sich wie in Buddhas Hand geborgen fühlen kann. Die Anhänger einiger psychedelischer Kulte ziehen es vor, ihre Rituale an einem besonderen, dafür prädestinierten Ort durchzuführen. Gelegentlich werden Geomanten zu Rate gezogen.
In anderen Kulten wird nur für das Ritual oder die rituelle Zusammenkunft ein besonderes Bauwerk (Blätterhütte, Tipi, Schwitzhütte) errichtet. Für die Rituale mancher Kulte werden die offenen Weiten des heiligen Landes (Berge, Wälder, Gewässer) bevorzugt. Es wird auch immer von Kraftplätzen gesprochen, die besonders für Rituale geeignet erscheinen. Ob man die Kraft eines Platzes mit den Erdstrahlen oder mit den Eingängen zur Feenwelt erklärt, ist letztendlich gleichgültig. Manche der berühmten Orte – wie Stonehenge, Delphi, Ayer’s Rock, Bear Butte, Kailas usw. – vermitteln jedem Besucher ein tiefes Gefühl der Ehrfurcht: Diese Orte sind schon immer Pilgerorte gewesen. Sie sind es auch heute noch, selbst wenn es «nur» Touristen sind, die dorthin kommen. Aber jeder Tourist wird etwas von der Magie des Ortes in sich bewahren und mit in alle Welt tragen. Je besser der Ort gewählt ist, desto leichter öffnen sich die Tore nach Akasha.
Lucys Xtra
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