Text: Roger Liggenstorfer
Wie aus meinen Kolumnen ersichtlich wird, liebe ich den Spitzkegeligen Kahlkopf, mykologisch Psilocybe semilanceata. Hier geht es aber nun um andere Kahlköpfe, die leider auch in der psychedelischen Szene weit verbreitet sind. Dies wurde mir bewusst beim Lesen einiger Reaktionen auf die Ausgabe 142 unseres YouTube-Formats Nachtschatten Television vom Januar 2025, in der Markus Berger zu den bevorstehenden Wahlen in Deutschland klar Stellung bezog.
Auch wenn wir uns normalerweise nicht zur aktuellen Politik äußern, abgesehen von drogenpolitischen Themen, muss ich es hier mit aller Deutlichkeit schreiben: Dieser menschenverachtende populistische Sumpf hat in der Psychedelik-Szene nichts zu suchen. Diese braunen Kahlköpfe sind mit den Grundwerten der Psychonautik nicht vereinbar. Besonders bedenklich ist die Tatsache, dass sie sich mittlerweile gesellschaftsfähig und «angepasst» verhalten und ohne Springerstiefel und Glatze daherkommen.
Ich finde es sehr bedrückend, dass Menschen offensichtlich ein nur sehr beschränktes Geschichtsgedächtnis haben: Die politischen Veränderungen vor rund hundert Jahren, mit vielen Parallelen zur heutigen AfD und anderen faschistoiden Parteien in vielen anderen Ländern, die 1933 mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler immer schlimmer wurden und in der grauenhaften Nazizeit endeten – ist dies alles vergessen oder verdrängt?
Nicht nur Juden wurden damals verfolgt und in Konzentrationslagern ermordet, auch Künstler und all jene, die gesellschaftlich nicht angepasst waren, wurden verfolgt. Und offenbar ist denjenigen, die schreiben, sie würden Psychedelika konsumieren und die AfD wählen, nicht bewusst, dass unsereins ebenso verfolgt würde, sobald solche Rechtspopulisten wieder die uneingeschränkte Macht hätten. Ein vernünftiger legalisierter Umgang mit psychoaktiven Substanzen stand noch nie im Parteiprogramm der extremen Rechten, weder bei der SVP der Schweiz, noch bei der FPÖ in Österreich und ebenso wenig bei der AfD in Deutschland.
Politik und Psychedelik waren schon in den 60er Jahren wichtige Themen. Dies hat nicht nur der damals als LSD-Papst betitelte Timothy Leary in seinem Buch Politik der Ekstase aufgezeigt. Im Zeitalter der Flower-Power-Bewegung gab es Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg und die daraus entstandene Friedensbewegung, den Kampf für Frauenrechte und gleichgeschlechtliche Liebe, das Erwachen des ökologischen Bewusstseins: Die psychedelische Bewegung war schon immer politisch.
Der rekreative Umgang mit psychedelischen Substanzen schließt Politik nicht aus, diese können sich auch gegenseitig bedingen: Die Erweiterung des Bewusstseins und die empathische Reflexion, wer wir sind und wie wir mit unseren Mitmenschen und unserer Mitwelt umgehen, machen es möglich, entsprechend zu handeln. Psychedelische Substanzen sind mächtige Mittel – Vitamine für unser Hirn und wichtige Instrumentarien, um sich zu wehren. Tim Leary wurde auch deshalb als der gefährlichste Mann Amerikas verfolgt, weil sich die psychedelische Bewegung bereits der kapitalistischen und destruktiven Welt widersetzte.
Wenn ich mir Spitzkegelige Kahlköpfe in der Natur gönne und mich mit dieser verbinde und mir dadurch bewusst werde, wie verletzlich Mutter Erde ist, weiß ich, dass ich mich zum Wohl dieser Welt einsetzen will – mit allen politischen Mitteln, die mir zur Verfügung stehen.
