Kratom und Covid-19: Was wir wissen

Anwendungsgebiet, Infektionsgefahr und Gesundheit

Finden sich in Kratom (Mitragyna speciosa) Inhaltsstoffe, um Covid-19 zu behandeln? Seit dem Beginn der Pandemie geistern immer wieder Meldungen durch Social Media, die nicht nur in der Kratom-Community Hoffnungen wecken, damit ein wirksames Mittel gegen SARS-CoV-2 gefunden zu haben.

Ein US-amerikanischer Kratomhändler warb sogar damit, dass Kratom «eine gute Menge an Wirkstoffen enthält, die das Immunsystem stärken und das Coronavirus in Schach halten können» (orig.: «(…) that kratom (Mitragyna speciosa) contains a good amount of compounds that can strengthen the immune system and keep the coronavirus at bay»).

Obwohl der Händler diese Behauptungen wieder von seiner Seite entfernt hat, kursieren solche Gerüchte weiterhin in einschlägigen Foren.

Kratom und Chloroquin

Zurückzuführen ist diese Meldung auf eine Aussage von Professor Dr. Thamrin Usman von der Tanjungpura-Universität, die am 6. März 2020 in einem Artikel der Pontianak Post erschien. Dort spekuliert Usman, dass die Kratomalkaloide eine gewisse Ähnlichkeit zu Chloroquin aufweisen sollen und deshalb wirksam gegen das neue Coronavirus sein könnten.

Tatsächlich gibt es in der wissenschaftlichen Literatur keinen Hinweis darauf, dass Kratominhaltsstoffe jedweder Art gegen SARS-CoV-2 wirksam sind.

Auch Chloroquin selbst, ein mit Chinin verwandtes Gemisch, dass zur Malaria-Prophylaxe eingesetzt wird, zeigt keinerlei Wirksamkeit in der Behandlung oder Prophylaxe von Covid-19 – was der mittlerweile robuste Datenkorpus beweist.

Kratom beim milden Verlauf – eine Fallstudie

Spannender dagegen scheint eine Studie von Antonio Metastasio und weiteren (2020) mit dem Titel «Can Kratom (Mitragyna speciosa) Alleviate COVID-19 Pain? A Case Study».

In dieser Fallstudie beschäftigen sich die Autoren mit einem 29 Jahre alten Patienten, der sich mit SARS-CoV-2 angesteckt hatte. Aus seiner Krankengeschichte geht eine diagnostizierte chronisch-entzündliche Darmerkrankung (Colitis ulcerosa) sowie eine Entzündung der Gallenwege (primär sklerosierende Cholangitis) hervor – aufgrund derer er täglich Immunsuppresiva und Entzündungshemmer einnimmt.

Der Patient ist seit dieser Medikation dazu in der Lage, ein aktives Leben zu führen und diverse Sportarten auszuüben. Er gab an, Nichraucher zu sein und weder Alkohol noch illegalisierte Drogen zu konsumieren.

Bereits 24 Stunden nach den ersten Symptomen (Mattheit und Übelkeit) berichtete der Patient über schwere Abgeschlagenheit und Schwäche, Appetitlosigkeit, Müdigkeit, leichten trockenen Husten, Muskelschmerzen, Verlust von Geschmacks- und Geruchssinn, Halsschmerzen und Fieber. Seine Sauerstoffsättigung lag bei 98 Prozent (vgl. Metastasio et al. 2020, S. 3).

Die Infektion mit SARS-CoV-2 wurde mittels Cobas PCR-Test verlässlich nachgewiesen (Metastasio et al. 2020, S. 3).

Trotz der verordneten Medikation (1 g Paracetamol alle sechs Stunden) klagte der Patient über ausgeprägte Muskel- und Knochenschmerzen. Die Stärke der Schmerzen beschrieb er als sehr ausgeprägt; auf einer Skala von 1 bis 10, bewertete er diese mit einer 7.

Aufgrund dieses Leidensdrucks entschied er sich dazu, Kratom zu konsumieren, das er wenige Monate zuvor gekauft hatte. Eigenen Angaben zufolge hat er die Substanz in einem Zeitraum von 14 Monaten vor der Infektion ungefähr vier- bis fünfmal eingenommen.

Er nahm zunächst eine Dosis von 2,5 g Kratom, das als „Green Bali” verkauft wurde. Nach schätzungsweise 30 Minuten setzte eine signifikante Verbesserung seiner Symptome ein. Insbesondere der Schmerz und die Erschöpfungszustände wurden erträglicher.

In den folgenden drei Tagen nahm er in der Wachphase alle sechs Stunden eine Dosis von 2,75 g ein (insgesamt neun Dosen).

Auf das Fieber, den Husten und die Halsschmerzen nahm die Eigenmedikation keinen Einfluss. Der Patient berichtet:

«Es hob auch meine Stimmung und ich fühlte mich weniger elend, bis zu dem Punkt, an dem ich in der Lage war, aus dem Bett zu steigen, zu duschen, und Arbeits-E-Mails anzuschauen, ohne mich völlig erschöpft und ausgelaugt zu fühlen. (…) Ich schlief besser. Ich schlief vor allem sofort ein. Ohne Kratom war der Schlaf nicht schön, mit Kratom wachte ich weniger auf.»

Im Laufe der folgenden zwei Wochen verbesserten sich die Symptome zunehmend. Eine weitere Woche später wurde er negativ auf SARS-CoV-2 getestet. Er berichtete nicht über unangenehme oder unerwünschte Wirkungen des Kratoms, abseits des bitteren Geschmacks.

Das Forscherteam untersuchte eine Probe des Kratompulvers mittels der quantitativen Flüssigchromatographie-Massenspektrometrie-Methode, die ergab, dass es sich dabei um reines Kratompulver handelte. Es waren weder Spuren von Opioiden noch von Benzodiazepinen zu finden. Ferner ergab die Untersuchung einen Gehalt von 102 mg Mitragynin und 0,8 mg 7-Hydroxymitragynin pro Gramm der Probe.

Da es sich bei der besprochenen Studie um einen Fallbericht und nicht um eine klinische Studie handelt, kann jedoch keine Aussage darüber gemacht werden, ob es sinnvoll oder ratsam ist, Covid-19 mit Kratom zu behandeln.

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Kratom als Immunstimulanz?

Die Diskussion darüber ist jedoch in vollem Gange. Einige Kratom-User sind sich darüber einig, Kratom sei ein probates Mittel zur Stimulanz des Immunsystems (entsprechende Blog-Artikel finden sich ebenfalls nach kurzer Suche) (vgl. auch: Singh et al. 2020, S. 3).

Diese Wirkung auf das Immunsystem beruht auf Hörensagen in der Community und soll u.a. auf das Alkaloid Isorhynchophyllin zurückzuführen sein, dass im Alkaloidprofil der Pflanze üblicherweise weniger als ein Prozent ausmacht (vgl. Netter 2019, S. 102).

Die Behauptung, dass dieser Inhaltsstoff generell immunstimulierend sein soll, kann als spekulativ bezeichnet werden. In der Fachliteratur finden sich keine belastbaren Studien.

Ob die Alkaloidmischung in Kratom generell eine positive Wirkung auf das Immunsystem hat, wurde noch in keiner Studie nachgewiesen und gehört damit vorerst ins Reich der Drogenmythen.

Die Vorstellung, es gäbe Substanzen mit denen man ein gesundes Immunsystem verbessern kann, gehört nach gängiger Lehrmeinung ohnehin zu den hartnäckigsten Missverständnissen im Gesundheitsbereich. Wer sich gesund ernährt, ausreichend schläft und bewegt, der kann (leider) kaum etwas beitragen, die „Immunabwehr“ noch weiter zu verbessern – auch wenn Hersteller und Verkäufer von „Immun-Boostern“ gerne eine andere Geschichte erzählen.

Die martialische Metaphorik von angreifenden Viren und abwehrenden Antikörpern kommt im übrigen gerade bei Covid-19 an seine Grenzen. Zwar weisen gesunde (junge) Menschen laut Statistik eine signifikant geringere Gefahr auf, einen schweren Covid-Verlauf zu erleiden, doch gerade jungen und mittelalten Menschen kann ein „zu gutes“ Immunsystem zur Gefahr werden, was im Falle von Covid beim sogenannten Zytokinsturm passiert.

In einem solchen Fall wird das Immunsystem der Patienten herunterreguliert, um Organschäden durch die überbordende Immunreaktion zu vermeiden. [Anmerkung: Bei dieser Immunmodulation könnte zukünftig der Cannabis-Wirkstoff CBD eine Rolle spielen].

Menschen mit Substanzgebrauchsstörung erkranken häufiger an Covid

Wie bereits erwähnt, gibt es (noch) keine Studien, die Kratomkonsum und Infektionsverlauf in den Blick nehmen.

Wagt man jedoch einen vorsichtigen Vergleich mit anderen Opioiden, so wird ergibt sich aus ersten epidemiologischen Daten, dass Patienten mit Substanzgebrauchsstörung (SUD) eine höheres Infektionsrisiko und einen tendenziell schwereren Krankheitsverlauf aufweisen (Ataei et al. 2020, S. 3; Wang et al. 2021, S. 37). Ataei und Kollegen (2020) sagen darüber hinaus:

«Wir vermuten, dass selbst bei Kontrolle der sozioökonomischen Bedingungen die Patienten mit Opioidkonsumstörung aufgrund der physiologischen und immunologischen Auswirkungen der Opioide ein schlechteres Behandlungsergebnis haben werden».

Das bedeutet, dass die pharmakologische Wirkung der Opioide selbst für die höhere Infektionsgefahr und den schwereren Krankheitsverlauf verantwortlich gemacht werden – nicht beispielsweise der Lebensstil.

Was aber erwähnt werden muss: Mitragynin und 7-HO-Mitragynin sind zwar Opioidanaloga, jedoch unterscheiden sie sich von den typischen pharmazeutisch relevanten Substanzen bzw. den entsprechenden Straßendrogen – wobei besonders die unterschiedlichen Wirkungen auf den Atemapparat hervorgehoben werden müssen. Ob die obigen Erkenntnisse auch auf Kratom zutreffen, kann deshalb vorerst nicht bestätigt werden.

Kratom und Gesundheit

Bisher gab es in der Kratomcommunity keine Berichte darüber, dass Kratomkonsum zu einem signifikant schlechteren Krankheitsverlauf beigetragen hätte (auch in hohen Dosierungen). Panik ist also absolut nicht angebracht.

Wer nicht häufig und nicht in hohen Dosen konsumiert, hat vermutlich keine negativen gesundheitlichen Auswirkungen in Bezug auf Covid-19 zu erwarten – positive gesundheitliche Auswirkungen sind dagegen vorerst im Bereich des Placeboeffektes anzusiedeln.

Festzuhalten bleibt: Ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung, regelmäßige Entspannung und maßvoller Genussmittelkonsum tragen ganz bedeutend zu einem funktionierenden Immunsystem bei.

Dirk Netter

 

Literatur

  • Ataei, M./Shirazi, F. M./Lamarine, R. J./Nakhaee, S./Mehrpour, O. (2020): A double-edged sword of using opioids and COVID-19: a toxicological view. In: Substance Abuse Treatment, Prevention, and Policy, 15. Jg., H. 1, S. 91.
  • Metastasio, A./Prevete, E./Singh, D./Grundmann, O./Prozialeck, W. C./Veltri, C./Bersani, G./Corazza, O. (2020): Can Kratom (Mitragyna speciosa) Alleviate COVID-19 Pain? A Case Study. In: Frontiers in Psychiatry, 11. Jg.
  • Netter, D. (2019): Kratom: Ethnobotanik, Anwendung, Kultur. Nachtschatten Verlag. Solothurn.
  • Singh, D./Brown, P. N./Cinosi, E./Corazza, O./Henningfield, J. E./Garcia-Romeu, A./McCurdy, C. R./McMahon, L. R./Prozialeck, W. C./Smith, K. E./Swogger, M. T./Veltri, C./Walsh, Z./Grundmann, O. (2020): Current and Future Potential Impact of COVID-19 on Kratom (Mitragyna speciosa Korth.) Supply and Use. In: Frontiers in Psychiatry, 11. Jg.
  • Wang, Q. Q./Kaelber, D. C./Xu, R./Volkow, N. D. (2021): COVID-19 risk and outcomes in patients with substance use disorders: analyses from electronic health records in the United States. In: Molecular Psychiatry, 26. Jg., H. 1, S. 30–39.