LSD-Therapie an Überlebenden des Holocaust

Door Roland Gerrits / Anefo - Nationaal Archief, CC BY-SA 3.0 nl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27417020

Plötzlich bricht der Mann in heftiges Schluchzen aus; jede Regung, jede Träne ist für die Zuschauer sichtbar und macht unmittelbar erfahrbar, wie das verdrängte Trauma mit voller Wucht zurückkehrt – eindringlich wird gezeigt, wie ein Holocaust-Überlebender während einer begleiteten Gesprächstherapie mit der Gabe von LSD durch die Tiefen seines Traumas geführt wird. Die 1969 veröffentlichte Dokumentation „Verstehst du jetzt, warum ich weine?“ (engl. Now Do You Get It Why I’m Crying?) von Louis van Gasteren ist ein historisch-psychologisches Dokument über die psycholytische LSD-Therapie mit Trauma und Erinnerungskultur in den Niederlanden der Nachkriegszeit.

Die LSD-Therapie des Psychiaters Jan Bastiaans

Die Akteure des Films sind der Psychiater Jan Bastiaans und einer seiner Patienten. Der 1917 in Rotterdam geborene Bastiaans prägte als Psychiater und Neurologe die Behandlung des sogenannten KZ-Syndroms entscheidend. Er wurde im Sommer 1941 als Student von der Universität Amsterdam ausgeschlossen, da er sich dem Widerstand angeschlossen hatte. Die traumatischen Erfahrungen während der deutschen Besatzung beeinflussten sein späteres berufliches Engagement nachhaltig. Nach dem Krieg sah Bastiaans seine berufliche Mission darin, Überlebenden von Konzentrationslagern therapeutische Hilfe zu leisten. Die medizinische Herausforderung bestand darin, den komplexen psychischen und psychosomatischen Folgen extremer Gewalt zu begegnen. Die Niederlande waren besonders betroffen: 140.000 Deportierte – unter ihnen 110.000 Juden – und nur etwa 15.000 Überlebende kehrten nach 1945 in ihr Heimatland zurück. Viele litten unter schwersten psychischen Störungen, die als KZ-Syndrom klassifiziert wurden und deren Bewältigung bis dahin als nahezu unmöglich galt.

Wie der Geschichtswissenschaftler Stephen Snelders von der Universität Utrecht herausarbeitete, verknüpfte Bastiaans Freudianische Ansätze mit der psychosomatischen Medizin. Zunächst experimentierte er mit Narcoanalyse (Barbiturate), doch zeigte sich gerade bei den schwerst Traumatisierten – häufig mit ausgeprägten Abwehrmechanismen wie Rigidität oder das Intellektualisieren der Erfahrung – wenig Erfolg. Ab 1961 wandte Bastiaans LSD und Psilocybin in bis dahin ungekannter Intensität an, um seinem therapeutischen Ziel näher zu kommen: das mentale Konzentrationslager aufzulösen. Eine LSD-Therapie-Sitzung dauerte in der Regel fünf Stunden an und wurden anschließend – falls nötig – mit Tranquilizern beendet. Bastiaans Methode bestand darin, die Patient:innen unter kontrollierter Einnahme von LSD ihre verdrängten Erinnerungen ins Bewusstsein rufen und emotional erleben zu lassen, oft unterstützt durch Psychodrama-Elemente, wie das gezielte Konfrontieren mit Nazi-Symbolen und Originalaufnahmen nationalsozialistischer Reden. Insgesamt führte Bastiaans seine LSD-gestützte Therapiesitzungen an etwa 300 Patient:innen durch. Die Wirkung von LSD ermöglicht laut Bastiaans eine Auflösung der als „Selbstschutzpanzer“ beschriebenen psychischen Struktur. Ziel war es, den Patient:innen zu helfen, sich zu öffnen, die eigenen Gefühle zu artikulieren, das Trauma zu integrieren und so einen Teil der durch die grausamen Lagererfahrungen verlorenen Selbständigkeit und Würde zurückzugewinnen.

Gesellschaftliche Reaktion

Wie auch in anderen Ländern weltweit, war der Einsatz von LSD und „Halluzinogenen“ in der Psychotherapie schon bald Gegenstand heftiger öffentlicher und fachlicher Kontroversen. Kritiker warnten vor psychotischen Nebenwirkungen und sahen in Bastiaans Methode massive Risiken. Der gesellschaftliche Stellenwert der Überlebenden und ehemaligen Widerstandskämpfer führte dazu, dass Bastiaans lange mit politischer Rückendeckung agieren konnte, was international eine Besonderheit darstellte. Im Austausch stand er auch mit seinem deutschen Kollegen Hanscarl Leuner, der ebenso die psycholytische Therapie durchführte. Auch war er im Beirat des Europäischen Collegiums für Bewusstseinsstudien tätig. Nach seinem Abschied von der Universität, wurde ihm Ende der 1980er Jahre die Lizenz zur LSD-Therapie entzogen. Er therapierte bis 1994 mit Ibogain weiter, aber durch den Todesfall einer Patientin –vermutlich starb sie an Heroin, während sie mit Ibogain behandelt wurde – verlor er endgültig seine medizinische Lizenz.

Von der Klinik zum „Magischen Zentrum“

Wie der Historiker Stephen Snelders darstellt, wurde LSD im niederländischen klinischen Umfeld insbesondere zur Bewältigung von Kriegs- und Lagertraumen genutzt; später wurde sie auch zum Symbol gesellschaftlicher und kultureller Umbrüche; etwa im Kontext der niederländischen „Magical Center“-Bewegung der 1960er Jahre. In Bastiaans Praxis blieb die therapeutische Zielsetzung – der Versuch, im geschützten klinischen Raum die Bevölkerung mit KZ-Syndrom zu heilen – zentral, während die gesellschaftliche LSD-Nutzung in den 1960er und 1970er Jahren in Richtung kultureller Emanzipation und gesellschaftlicher Kritik eine neue Verwendung fand.

Wir möchten darauf hinweisen, dass der Film erschütternde Videos enthält. Er stellt jedoch auch eine sehr gute Erinnerung an die Gewalt dar, die wir durchleben müssen, wenn wir nicht aktiv gegen das Unrecht tätig werden, das heute wieder unsere Gesellschaften zu befallen droht.

Literaturverzeichnis:

Snelders, Stephen. „The LSD Therapy Career of Jan Bastiaans, M.D.“ MAPS – Volume 8, Number 1 (Spring 1998). https://maps.org/news-letters/v08n1/08118sne.html.

Snelders, Stephen. „From Psychiatric Clinics to Magical Center: LSD in the Netherlands.“ In Expanding Mindscapes: A Global History of Psychedelics, edited by Erika Dyck and Chris Elcock, 357–377.