Text: Roger Liggenstorfer
In den letzten Jahren ist bei vielen Menschen zunehmend das Bedürfnis entstanden, mit bewusstseinsverändernden Substanzen in einem anderen Kontext umzugehen, traditionelle Rituale in die heutige Zeit zu integrieren und gleichzeitig neu zu definieren. So wurden seit Mitte der achtziger Jahre einige dieser Pilzkreise in der Schweiz organisiert. Selbstverständlich werden Rituale dieser Art nicht öffentlich ausgeschrieben – die Informationen darüber verbreiten sich vielmehr wie ein Myzel unter der Oberfläche der Gesellschaft.
Ich hatte bereits mehrmals das Glück, zu solchen Ritualen eingeladen zu werden. Auch das kommende Treffen war als ein ganz besonderer Ausflug in andere Welten angekündigt worden, eingebettet in die Elemente der Natur. Wir trafen uns an einem der ersten Aprilsonntage in einem kleinen Tal im Mittelland der Schweiz.
Am Waldrand stand ein Tipi um eine Feuerstelle, daneben eine vorbereitete Schwitzhütte und einige Meter entfernt eine Quelle, die aus einem kleinen Brunnen plätscherte. Wir richteten uns im Tipi im Kreis ein und entzündeten ein Feuer im Innern und ein weiteres davor. Nach einer leichten Gemüsesuppe wurde kräftig eingeheizt, damit die Steine für die Schwitzhütte zum Glühen kamen.
Die neun Teilnehmenden, inklusive des „Reiseleiters“, stimmten sich gemeinsam auf das bevorstehende Ritual ein. Durch Gespräche und Lachen kamen wir uns näher; einige kannten sich bereits von früheren Ritualen oder Partys. Es war eine bunt gemischte Gruppe von 20- bis 50-Jährigen – junge und ältere Hippies, Techno-Kids, ein Anwalt, eine Lehrerin und eine Hausfrau.
Der Reiseleiter erklärte einige grundlegende Regeln: Der Kreis sei nur in Notfällen zu verlassen und man solle sich möglichst an seinem Platz aufhalten, um die Kreisenergie zu halten. Außerdem verpflichteten sich alle, gegenüber Außenstehenden keinerlei Informationen darüber preiszugeben, wer das Ritual organisiert hatte oder woher die Pilze stammten. Ebenso musste allen klar sein, dass sie in absoluter Eigenverantwortung teilnahmen.
In der Schwitzhütte wurden kaltes Wasser, Kräuter und Essenzen bereitgestellt, und die glühenden Steine kamen in das Loch in der Mitte. Alle neun fanden gerade noch Platz und begannen schnell zu schwitzen. Nach einigen Aufgüssen und herrlichen Duftwolken ging es zur erfrischenden Quelle, um die Blutzirkulation wieder in Schwung zu bringen.
Danach kehrten wir in das nun richtig warme Tipi zurück, frisch, sauber und mit dem Gefühl, neu geboren zu sein. Verschiedene Kräuter wie Salbei und Harze wie Weihrauch wurden verbrannt, deren reinigende und entspannende Düfte das Tipi erfüllten. Nach einer Trommelrunde mit unterschiedlichen Percussioninstrumenten wurde schließlich unserer langsam aufkommenden Ungeduld ein Ende gesetzt: Die Pilze der Sorte Psilocybe cyanescens wurden verteilt.
Lucys Xtra
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