Sarahs Stimmen – ein traditionelles europäisches Pilzritual

XtraPsilocybin-Pilze und die "Andere Wirklichkeit"

Text: René Strassmann

Das Ereignis – das Pilzritual – fand in Abwesenheit von Sarah und ihren Eltern statt. Der Name Sarah ist geändert.

Vorgeschichte: Oktober 1993

Die Mutter von Sarah erfuhr über einige Umwege von ihm. Sie gelangte, nachdem diverse Untersuchungen und Therapien schon durchgeführt worden waren, zur Ansicht, daß es sich bei den Erscheinungen Sarahs nun tatsächlich um unerklärliche Phänomene handelte. In ihrer Unsicherheit und Hilflosigkeit ersuchten die Eltern von Sarah den Heiler um seine Hilfe. Alles begann vor gut neun Monaten. Sarah war damals gerade zehn Jahre alt. Zunächst hörte sie lediglich Stimmen, die ihr vor dem Einschlafen ins Ohr flüsterten. Die Stimmen wurden lauter und deutlicher. Allmählich nahmen sie eine so klare Form an, daß Sarah nicht mehr einschlafen konnte, oder sie wurde mitten in der Nacht von ihnen geweckt. Verängstigt und verstört schreckte sie auf und floh ins elterliche Schlafzimmer. Im Bett bei den Eltern fand sie stets wieder die Ruhe zum Schlafen. Doch dabei sollte es nicht bleiben: Die Stimmen blieben nicht einfach nur Stimmen, sie bekamen immer deutlichere Gestalt, nahmen Form und Charakter an, so daß Sarah sie zeichnen konnte. Dabei handelte es sich eigentlich um sieben unterschiedliche Gestalten, die auch ganz verschiedene Charaktere hatten. Sarah sah sie in ihrem Zimmer und konnte sie auch, den Stimmen folgend, sehr sicher ausmachen.

Nach einem ersten Vorgespräch mit der Mutter und Sarah und nachdem der Heiler die Zeichnung der Gestalten gesehen hatte, entschloß er sich, vorerst Sarah, ihren Bruder und ihre Eltern zu besuchen. Sarah wohnte in einem älteren, umgebauten ehemaligen Bauernhaus in einem Dorf in der Umgebung Zürichs. Sie hatte ihr eigenes Zimmer. Bei dem Besuch ging es dem Heiler offensichtlich darum, abzuklären, inwieweit die Wohnumgebung, das Haus, aber auch die familiären Strukturen Sarahs mögliche Ursachen dieser Ereignisse sein könnten. Es gab ein erstes Ritual, das dazu dienen sollte, das Zimmer und die Umgebung Sarahs zu klären. In der Hoffnung, das Ritual würde ausreichen, um die Erscheinungsphänomene aufzulösen, verordnete der Heiler Sarah noch verschiedene Kräuteranwendungen: ein Teegemisch mit beruhigender und nervenstärkender Wirkung und ein Kräutersäckchen, das Sarah als Schutz um den Hals tragen sollte. Es geschah das Gegenteil: Die Stimmen wurden kräftiger, die Gestalten zudringlicher und fordernder. Im Dezember 1993 entschloß sich der Heiler zu einem zweiten Besuch bei Sarah und entwickelte ein zweites Ritual, bezog dabei die Eltern und den jüngeren Bruder Sarahs mit ein. Mitte Dezember erhielt er einen Anruf der Mutter, daß alles noch schlimmer geworden sei. Keine Nacht vergehe, ohne daß Sarah bis zu dreimal aufwache und weinend zu den Eltern gesprungen käme. Ja, es ging soweit, daß die Eltern nun auch abwechslungsweise im Zimmer bei Sarah schliefen.

Die große Arbeit

Zum 21. Dezember, der Wintersonnenwende, lud mich der Heiler ein, die Nacht gemeinsam zu feiern. Ich wußte, daß eine nächtliche Reise in die »Andere Wirklichkeit« eine Pilzreise bedeutet. Gespannt und in der Vorfreude auf das Feiern der Wintersonnenwende bereiteten der Heiler und ich uns auf die Nacht des 21. Dezembers vor. Um 21:00 Uhr war es dann soweit. Wir gingen in seinen Heilraum. Er war mit Blumen geschmückt und in leuchtendes Kerzenlicht getaucht. Das Zimmer strahlte die ganze Freude und Hingabe, die der Heiler in die Vorbereitung hineintrug, aus. Düfte schwebten sanft im Raum, und ruhige Musik erklang aus dem CD-Player. Trommeln, Rasseln, Klangkugeln und Regenrohr lagen bereit.

Nach einigen stillen Augenblicken wandte er sich mit der Frage nach meinen Wünschen und meiner inneren Bereitschaft an mich. Ich war etwas überrascht, als er mir sagte, wenn es sich ergibt und sein darf, möchte er einen Teil dieser Nacht Sarah schenken – ob ich mich dem anschließen könne. Ohne lange nachzudenken, stimmte ich zu, denn es war für mich die erste Begegnung dieser Art, mit dem Heiler unterwegs zu sein. Er sprach ein Gebet und bat den Pilz um Güte und liebevolle Führung. Wir schwiegen einige Minuten. Danach las er aus einem Buch zwei Passagen vor. Wieder ruhiges Schweigen. Nun segnete er die Pilze, reichte mir meine Portion und setzte sich neben mich auf die Liege. Schweigend aßen wir die Pilze, lachten einander zu und legten uns hin. Die Musik klang aus dem CD-Player. Es war eine Musik zum Abholen und Eintauchen in das Kommende. Die erste Musik war zu Ende, und ich legte eine weitere CD auf. Kaum erklangen die ersten Töne, stand er mit den Worten auf: »Dorthin gehen wir heute nicht« und legte eine andere Musik auf. Der Geist des Pilzes nahm in uns bereits seinen Raum ein. Ich spürte seine Wirkung, und die erste leise Angst kroch hervor. Gedanken schossen in Windeseile durch mich hindurch und immer wieder die Frage: »Komme ich wieder zurück?«

Der Heiler stand auf, holte einen Bergkristall und eine Adlerfeder und übergab sie mir mit den Worten: »Laß dich einfach tragen. Lehne dich zurück und entspanne dich. Laß dich vom Pilz führen, ich begleite dich.« Er setzte sich hinter mich und legte die eine Hand auf die Kreuzgegend, und mit der anderen Hand berührte er mich sanft im Nacken. Die ganze Angst war wie weggeblasen. Ein warmer Strahl floß vom Steißbein bis zum Scheitel. »Jetzt bin ich hindurchgegangen. Etwas ist gestorben, und zugleich ist etwas anderes am Erwachen.« Freude und Tränen, eine tiefe Ruhe und stilles Lachen verwandelten sich zu Bildern und Farben. Sie bewegten sich in einem fließenden Tanz. Ich schloß die Augen und sank immer tiefer. Weit weg hörte ich die leise und angenehme Stimme des Heilers. Er lud mich ein, alles zu vergessen, was ich bisher gelernt hatte und zu wissen glaubte. Die Zeit verlor ihr Gesicht und ließ Raum für die Begegnungen mit den Klängen der Musik, der Stimme des Heilers, den Berührungen seiner Hände, den Düften der Pflanzen und der Räucherungen.

Lucys Xtra

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