Text: Christian Rätsch und Claudia Müller-Ebeling
Wie man weiß, kommt die Tomate ursprünglich aus Amerika; genauer aus Mittelamerika, Mexiko. Von dort stammt auch ihr weltweit geläufiger Name. Tómatl nannten die Azteken die knallrote runde Frucht.
Ihre sinnlich rotseidige Rundung entzückte die adeligen Kreise der Alten Welt, die ihrer zuerst ansichtig wurden. Spanische Conquistadoren hatten sie aus dem Eldorado, dem gelobten Goldland, mitgebracht. Vermutlich heißt sie auch deshalb in Österreich Paradeiser. Doch ihr Auftritt als Obst bescherte der Tomate zunächst einen Karriereknick. Erst, als der genussirritierte europäische Gaumen sie als Gemüse identifizierte, lernte man hierzulande, ihr nuancenreich süßes Aroma zu schätzen.
Kaum vorstellbar, wie die italienische Küche ohne Tomate wäre. Die lukullischen Genüsse der sogenannten Spaghettifresser lernte man in Teutonien erst Anfang der Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts kennen. Mit der Entdeckung der italienischen Speisekarte erklomm die Tomate Höhenflüge in ungeahnte Dimensionen. Spaghetti-, Pizza-, Ketchup- und Miracoli-Generationen ohne Tomate? Unvorstellbar. Dies- und jenseits des großen Teiches.
Das war uns bekannt und vertraut. Dass das aztekische Gemüse zum Adelstitel taugte, erfuhren wir erst in Kolumbien.
In diesem wunderschönen, aber von Guerilla und Korruption gebeutelten Land waren wir 2004 im Rahmen der Recherchen für unser Ayahuasca-Buch mit unserem Kollegen Arno Adelaars unterwegs. Zunächst in der Hauptstadt Bogotá, die weitaus schöner als ihr Ruf ist, wo wir die Gastfreundschaft von Dr. Fabio Ramirez genossen, der in seiner Praxis die westliche Schulmedizin mit schamanischem Heilwissen verbindet. Dann nördlich in Pasto und im Sibundoy-Tal, dem botanischen Tor zum Amazonastiefland. Dabei folgten wir der historischen Route, die einst William Bourroughs auf seiner Suche nach Yagé nahm.
Die Autofahrt über rumpelig-schlammige Straßen vom vulkanischen Hochland ins sagenumwobene botanische Wunderland an den Ufern des Putumayo dauert gewöhnlich fünf Stunden. Für alle, die einfach von hier nach da wollen. Wir aber folgten den Spuren des berühmten Ethnobotanikers Richard Evans Schultes, dessen Aufzeichnungen und Pflanzenskizzen auf unseren stoßdämpfenden Knien lagen. Wir benötigten für die Hinfahrt neun Stunden. Denn der sensible Scannerblick von Christian Rätsch bescherte uns jede zweite Kurve einen „botanical orgasm”, wie Adelaars amüsiert und geduldig bemerkte.
Lucys Xtra
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