Tim Leary: Der hormonale Holocaust

XtraCYBEROTIK: Chaos und Cyber-Kultur

Timothy Leary meditiert

Text: Timothy Leary

In meiner Familie wurde die Moral von meiner Mutter und ihren beiden unverheirateten Schwestern verwaltet. Ich begann als Jugendlicher zum ersten Mal, ihre merkwürdige sexuelle Obsession zu erkennen und beobachtete von da an fasziniert, wie sie jedes Kunstwerk, jeden Film oder jedes Lied nach Anzeichen dessen untersuchten, was sie „funny business“ nannten.

Es ging mir bald auf – mit einem genetischen Erschrecken –, dass meine, von diesem asexuellen Eifer dominierte Familie am Aussterben war! In meiner Generation war ich der einzige, der den Vaternamen weitertragen konnte, und einer von nur zwei Überlebenden auf der mütterlichen Seite.

Diese Erkenntnis verstörte mich so stark, dass ich mich entschloss, zurückzuschlagen. Als die letzte, überlebende Ausprägung meines Genpools beschloss ich, dass ich meine Familie – und im Weiteren die große Antisexbande der Gesellschaft – meine wertvollen Körperflüssigkeiten nicht würde kontrollieren lassen. Schnellstens entwickelte ich ein sensibles Gegenradarsystem, das jedes Wort oder Bild eifrig nach irgendwas absuchte, das niederträchtig, rassistisch oder erotisch war.

Meine erste Erfahrung mit erotischer Literatur verschaffte mir die Bibel. Ich saß grübelnd über den Beschreibungen der Laszivität im Alten Testament, als ich mit vor Hitze rotem Kopf die fundamentalistische Erektion bemerkte, die sich in meiner Hose wölbte. Meine Mutter und meine Tanten beobachteten mich währenddessen und waren sich sicher, dass ich einmal Priester werden würde.

Ich erinnere mich, wie ich in träumerischer Versunkenheit eine Illustration der Saturday Evening Post aus dem Jahre 1936 beäugte. Sie zeigte eine junge Frau, die sich in einer Hängematte wiegte. Ihr Kopf war in unschuldiger Heiterkeit zurückgeworfen, ihr weißes Kleid und das Spitzendessous waren heraufgerutscht und entblößten fünf Zentimeter ihrer milchig weißen, weichen, feuchten und küssenswerten Schenkelinnenseiten.

Dies geschah im Jahre 1938, an einem Ort im westlichen Massachusetts, in einer Kleinstadt mit irisch-katholischem Hintergrund. Das erotische Klima war trocken und frigide. Während ich in dieser kalten Umgebung aufwuchs, lehrte man mich, dass es zwischen Tugenden und Sünden nichts gibt.

Gut hieß, zu denken und zu handeln wie die Nachbarn, sauber zu sein und anständig. Schlecht? Der menschliche Körper! Über die sexuellen Funktionen zu reden, war schlecht. Das Erwähnen der Genitalien war tabu! Erotische Gefühle galten ebenfalls als schlecht, und das sexuelle Verlangen war mehr als schlecht. Es war des Teufels.

Softpornos gab es in den Dreißigern im Überfluss. Pausenlos betrachtete ich mit träumerischer Lust die Versandkataloge der großen Warenhäuser mit ihren Bildern von jungen Schlampen, die schamlos in seidener Unterwäsche posierten. Kecke, geile Frauen in Nylons! Hausfrauen-Huren in satten Korsetts!

Lucys Xtra

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