Tim Leary über Künstliche Intelligenz

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Text: Timothy Leary

Künstliche Intelligenz — Hesses prophetisches Glasperlenspiel

 

HERMANN HESSE, EIN PROPHET DES COMPUTERZEITALTERS?

Doch unser mitfühlendes Bedauern für den sauberen Weisen aus der Schweiz könnte voreilig sein. Denn an den Orten, wo sich die Computer-Avantgarde zusammenfindet, in der Gegend von Palo Alto in Kalifornien, in den Carnegie Mellon A.I. (Artificial Intelligence) -Laboratorien und in den Computergrafik-Laboratorien des südlichen Kalifornien, scheint sich ein Hesse-Comeback anzubahnen. Wie auch immer, diese Wiederentdeckung hat nichts mit Hesses östlich-mystischen Werken zu tun. Sie beruht auf seinem letzten und am wenigsten verstandenen Werk, dem Glasperlenspiel.

Dieses Buch brachte Hesse den Nobelpreis ein. Es spielt einige Jahrhunderte nach unserer Zeit in einer Zukunft, in der die menschliche Intelligenz sich weiterentwickelt hat und die Kultur durch ein Gerät zur Gedankenverarbeitung getragen wird, das man das Glasperlenspiel nennt.

Erst in den elektronischen Neunzigern beginnen wir zu schätzen, was Hesse auf dem eigentlichen Höhepunkt des rauchgeschwängerten mechanischen Zeitalters (1931-1942) tat. Er beschrieb nämlich mit einer erstaunlichen Präzision ein bestimmtes, postindustrielles Werkzeug, mit dessen Hilfe man Gedanken in digitale Elemente umwandeln und bearbeiten konnte. Kein Zweifel, der Weise der Hippies nahm damit einen elektronischen Intelligenzverstärker vorweg, dessen Erscheinen auf dem Markt wir erst 1976 erleben konnten.
Ich weise damit natürlich auf jene Frucht vom Baume der Erkenntnis hin, die da „Apple“ heißt.

In den sechziger Jahren wurde Hermann Hesse von Studenten und den Wilden in der Kunst zur Stimme des Jahrzehnts ausgerufen. Er war ein weiser Mensch, größer als Tolkien, Salinger, McLuhan oder Bucky Fuller. Hesses mystischutopische Romane wurden von Millionen gelesen. Die bekannte, elektrisch verstärkte Rockgruppe „Steppenwolf“ nannte sich nach dem „psychedelischen Helden“, Harry Haller, der diese „langen, dünnen, gelben … und köstlichen Zigaretten rauchte und sich danach ins Magische Theater aufmachte, um einen Weg aufzuzeigen, den kein Romanheld vor ihm gegangen war.“ Der Film, Steppenwolf, wurde von Peter Sprague finanziert, zu Jener Zeit der Eierkönig Im Iran. Ich musste die Hauptrolle an Max von Sydow abgeben. Die Rolle von Rosmarie spielte Dominique Sanda.

DIE ALDOUS-HUXLEY-HERMANN-HESSE-FUGE

Ich hörte das erste Mal durch Aldous Huxley von Hermann Hesse. Das war im Herbst 1960, als Huxley Gastprofessor am M.I.T. (Massachusetts Institute of Technology) war. Angekündigt war eine Reihe von sieben Vorlesungen zum Thema: „Was für eine Arbeit stellt der Mensch dar?“. Ein paar Tausend Leute hörten jede Vorlesung, und zwischen den Vorträgen verbrachte Aldous den größten Teil seiner Freizeit mit unserer Gruppe vom „Psychedelischen Drogenprojekt“ in Harvard. Dabei führte er uns Anfänger in die Geschichte der Mystik ein und in die zeremonielle An- und Verwendung von LSD, was er manchmal „Uneigennützige Gnade“ nannte.

In jenem Herbst las Huxley Hesses Werke und sprach viel über Hermanns Einteilung der menschlichen Entwicklung in drei Stufen:

1. Der Sinn der Stämme für eine glückselige Einheit
2. Die schrecklichen Polaritäten in den feudal-industriellen Gesellschaften: gut – böse, männlich – weiblich, christlich – islamisch usw.
3. Die offensichtliche Wiederentdeckung der Einheit des Universums, des Ganzen

Keine Frage, Hegels drei Fingerabdrücke (These-Antithese-Synthese) ließen sich noch immer auf dem gesamten philosophischen Gebäude finden, doch Hermann und Konsorten ließen sich dadurch nicht abhalten, weiterzugehen, und warum sollten wir unverbildeten Harvard-Psychologen es tun?

Wir alle machten uns pflichtbewusst ans Lesen von Hesses Werk.
Huxley nahm an, dass seine eigene, spirituell-intellektuelle Entwicklung als Engländer parallel zu jener Hesses, sich in Deutschland, entwickelnder Lebenslinie, verlief. Huxley verwob mit Freude die Beweggründe in seinem Leben mit denjenigen in Hesses.

Aber diese Geschichte gehört woanders hin. Hesses Abenteuerroman Die Morgeniandfahrt war ebenfalls riesig. Er brachte Armeen von Pilgern dazu, sich nach irgendwohin östlich von Suez aufzumachen, auf den Haschischpfad nach Indien. Das Ziel dieses kindlichen Kreuzzugs? Erleuchtung 101, seinen Weg selbst wählen.
Ja, es war die Zeit für Sufi-Mystik, Innere Hindu-Reisen, die atemlose buddhistische Suche nach der letzten Wahrheit. Armer Hesse, er scheint in der heutigen High-Tech-Zeit, in den cybercoolen, mit Computerzeitschriften ausgestatteten, zunehmend mobilen Neunzigern aus der Mode gekommen zu sein.

PARODIEN DES PARADIESES

Huxleys letztes Buch „Eiland“ stellt ein untypisches, tropisches Utopia dar, in welchem Meditation, Gestalt-Therapie und psychedelische Zeremonien eine Gesellschaft von buddhistischer Gelassenheit schaffen.

Den Nachmittag des 20. Novembers 1963 verbrachte ich am Bett des kranken Huxley, aufmerksam seiner schwachen Stimme zuhörend, Eine literarische Fuge kreierend, sprach er über drei Bücher, drei „Parodien des Paradieses“, wie er sie nannte: sein eigenes, Eiland, Orwells 1984 und Hesses Glasperlenspiel.

Er erzählte mir mit einem sanften Lächeln, dass der „geliebte“ Diktator in Orwells Alptraum-Gesellschaft Churchill nachempfunden sei. „Erinnerst du dich an Big Brothers Sprachmanipulationen, seine Rhetorik in bezug auf den „Einsatz bis aufs Letzte“ und die Furcht, die er schürte, um jedermann die Verteidigung Eurasiens schmackhaft zu machen? An die Hass-Sitzungen? Den Angriff auf das „böse“ Österreich durch den weichen Unterleib Frankreichs? Eine eindeutige Satire.“ Sowie Huxley das sagte, begriff ich: Klar, und der Name des Helden ist „Winston Smith“.
Aldous war zu jener Zeit fasziniert vom Tibetanischen Totenbuch, welches ich eben erst aus einem Viktorianischen Englisch ins Amerikanische übertragen hatte. Dieses Manuskript benutzte Laura Huxley, um ihren Gatten beim Sterben zu leiten. (Deutsch: „Psychedelische Erfahrungen“, O.W. Barth Verlag 1971)

Huxley sprach mit Enttäuschung über den schlimmen Ausgang von Eiland, des Glasperlenspiels und Orwells Klassiker. Die von ihm entworfene, idealistische Inselgesellschaft wird von Erdöl suchenden Industriemächten zerstört. Hesses Kastalien löst sich auf, weil es die Beziehung zum menschlichen Alltag verliert; dazu kommt die Zerstörung der Liebe in „1984“. Unglückliche Ausgänge. Schüchtern fragte ich, ob er mich damit warnen oder ermahnen wolle, doch er lächelte nur, worauf ich ihm sagte, dass wir eine Fortsetzung für ihn, George und Hermann schreiben würden, und er lächelte wieder. Zwei Tage später starb Aldous Huxley. Sein Gehen wurde kaum beachtet, da lohn F. Kennedy am selben Tag ermordet wurde; es war ein schlimmer Tag für Utopisten und Futuristen.

DIE ONTOLOGISCHE EVOLUTION VON HERMANN HESSE

Hermann Hesse wurde 1877 in der schwäbischen Kleinstadt Calw als Sohn eines protestantischen Missionars geboren. Sein familiärer Hintergrund und seine Erziehung waren, wie bei Huxley, idealistisch und dem klassischen Bildungsideal verpflichtet.

Sein Leben war geprägt durch den Wechsel und die Metamorphose. Akzeptieren wir die Ansicht von Theodore Ziolkowski, so folgte Hesses literarische Entwicklung derjenigen der modernen Literatur vom Ästhetizismus der Jahrhundertwende über den Expressionismus zum zeitgenössischen Sinn für die menschliche Bestimmung.

EINE STIMME DER ROMANTISCHEN REALITÄTSFERNE, EIN DESILLUSIONIERTER BOHEMIEN, EIN KRIEGSDIENSTVERWEIGERER

Hesses erster einigermaßen erfolgreicher Roman „Peter Camenzind“ (1904) gab die frivole Stimmung der lebensfrohen Neunziger wieder, welche, wie die stürmischen zwanziger Jahre, der letzte Tanz einer Klassengesellschaft waren, die kurz vor dem Untergang stand. Nach Ziolkowski wechselte Hesse vom Ästhetizismus zu einem melancholischen Realismus … „Hesses Romane werden zu Warnungen eines Außenseiters, welcher uns dazu drängt, überkommene Werte in Frage zu stellen, gegen das System zu rebellieren und die ‘Realität’ im Lichte höherer Ideale zu betrachten.“

Er unternahm 1911 die obligatorische Pilgerreise nach Indien und infizierte sich am Ganges mit dem Virus, der später den ausgewachsenen Mystizismus eines Allan Ginsburg verursachen sollte.
1914 wand sich Europa im Fieber des Nationalismus und Militarismus. Hesse wurde, wie Dr. Benjamin Spock auf einer anderen Raum-Zeit-Koordinate, ein ausgesprochener Pazifist und Kriegsdienstverweigerer. Zwei Monate nach dem „Ausbruch der Feindseligkeiten“ publizierte die Neue Zürcher Zeitung seinen Essay „Oh Freunde, nicht diese Töne“. Es war ein Aufruf an die Jugend Deutschlands, in dem sich seine Betroffenheit über die stattfindende Stampede auf den offenen Abgrund zu, äußerte. Die Anklage brachte ihm eine offizielle Zensur und Angriffe anderer Zeitungen ein. Hesse war offensichtlich gegen den verheerenden Einfluss von Patriotismus, Nationalismus und Autoritätsgläubigkeit gefeit.

EIN URBEATNIK, EIN URHIPPIE

1922 schrieb Hesse den „Siddharta“, die Geschichte einer Kerouac-Snyder-Existenz, die, auf dem Wege nach Benares, befreite Feste einer lebensfrohen, Liebe und Sex auskostenden, Männlichkeit feiert. In einem Interview mit dem Playboy Magazin fasst der islamische Yogameister und Basketballstar, Karem Abdul-Jabbar, mit einer bemerkenswerten Klarheit die Ebenen seiner Lebenserfahrung zusammen. Er benutzt die Fugen-Technik des Glasperlenspiels, um die verschiedenen Aspekte seiner Biografie, wie Basketball, Rassismus, Religion, Drogen, Sex, Jazz und Politik in Einklang zu bringen.

In meinem letzten High-School-Jahr, so Abdul-Jabbar, begann ich alles zu lesen, was mir in die Finger kam – hinduistische Texte, die Upanischaden, Zen-Texte, Hermann Hesse …

Playboy: Was beeinflusste Sie am meisten?

Abdul-Jabbar: Hesses Siddharta. Ich machte während jener Zeit all das durch, was Siddharta als Jugendlicher erleben musste, und ich identifizierte mich mit seiner Auflehnung gegen die traditionellen Auffassungen von Liebe und Leben. Siddharta wird Ästhet, ein reicher Mann, ein feinfühliger Mensch – er erforscht all diese verschiedenen Welten und kann dabei keine Erleuchtung finden. Das war für mich die Botschaft des Buches, und so begann ich mein eigenes Werturteil für das, was gut und schlecht ist, zu entwickeln.

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