„Wir sind kosmische Energie“

XtraStanislav Grof, Pionier der Bewusstseinsforschung, über sein Werk

Interview Markus Berger

Das zweibändige Buch Der Weg des Psychonauten ist die Zusammenfassung deines Lebenswerks. Was hat sich verändert, seit du dich mit Psychedelika und holotropen Zuständen beschäftigst?

Die meisten meiner großen Entdeckungen geschahen zwischen 1956 und 1966. Auf einer Konferenz für LSD-Psychotherapie 1966 in Amsterdam stellte ich erstmals die neue erweiterte Kartographie der Psyche vor – die postnatalen Erfahrungen mit dem Modell der COEX-Systeme (COEX = Condensed Experience) und die perinatalen Erfahrungen mit den Perinatalen Grundmatrizen (PGM) I bis IV; auch über die transpersonalen Erfahrungen wurde gesprochen. In Amsterdam habe ich zum ersten Mal das Schema der PGM präsentiert. Das gleiche Bild, das ich für die Holland-Konferenz gezeichnet habe, findet man heute im Weg des Psychonauten.
Die etablierten Psychologen und Psychiater glauben immer noch nicht, dass das Trauma der Geburt im Unbewussten aufgezeichnet wird und die Quelle emotionaler und psychosomatischer Störungen und menschlicher Gewalt ist. Im aktuellen Buch verlagert sich nun der Schwerpunkt vom Geburtstrauma zu den Archetypen. Die Perinatalen Matrizen werden nun als spezifi scher Ausdruck archetypischer Muster betrachtet, ebenso wie religiöse Bilder. Dies ermöglichte es, in Zusammenarbeit mit Rick Tarnas psychedelische Erfahrungen in die archetypische Astrologie zu integrieren, mit der Betonung auf Synchronizität, Kunst und höhere Kreativität. Die neue Kartographie integriert alle wichtigen Schulen der Tiefenpsychologie – Freud, Adler, Rank, Reich, Jung und Klein.

Deine Arbeiten sind bahnbrechend und enorm wichtig für alle Menschen und den Planeten. Gibt es spirituelle, therapeutische oder sonstige Aspekte deiner Forschungen, die dir besonders wichtig sind?

Für mich ist die wichtigste Konsequenz der psychedelischen Forschung eine radikale Überarbeitung der Psychologie und Psychiatrie, insbesondere der neuen erweiterten Kartographie der menschlichen Psyche. Psychiater könnten auf der Grundlage dieses Weltbildes emotionale Störungen besser begreifen und zielsicher behandeln. Wir würden menschliche Gewalt und Gier besser verstehen und besser damit umgehen. Wir würden das rituelle und spirituelle Leben der Menschheit – spirituelle Krisen, Schamanismus, Übergangsriten und Visionen spiritueller Praktiken – nicht pathologisieren.
Die ontologische Natur des archetypischen kollektiven Unbewussten entfernt die Mauer, die wir zwischen Spiritualität und Wissenschaft errichtet haben. Wenn wir Psychedelika verwenden dürften, könnten sich dogmatisch organisierte Religionen durch eine universelle, nicht-sektiererische Spiritualität verändern. Wir würden die Einheit hinter der Trennung sehen. Viele Menschen könnten in gut geführten psychedelischen Sitzungen unseren Planeten sehen wie die Astronauten aus dem Weltraum oder als Raumschiff Erde wie Buckminster Fuller und würden sich als Weltbürger sehen, nicht als Tschechen, Amerikaner oder Russen.

Es gibt neben dem zweibändigen Werk auch einen gleichnamigen Dokumentarfilm, The Way of thePsychonaut. Ergänzt er das Buch?

Auf jeden Fall. Er ist hervorragend besetzt; die Protagonisten spielten in den 1960er und 1970er Jahren eine wichtige Rolle. Es kommen die Quantenphysiker Fritjof Capra und Amit Goswami zu Wort, der Biologe Rupert Sheldrake, der Vipassana-Buddhist Jack Kornfield, der Hirnforscher Robin Carhart-Harris, der Psychologe Sean F. Kelly, der Physiker Will Keepin, der Psychologe, Historiker und Astrologe Rick Tarnas, der Systemtheoretiker Ervin Laszlo und der Psychologe und Mitbegründer des Esalen Instituts Michael Murphy. Zu den Gästen des Esalen gehörten auch Albert Hofmann, Tim Leary, John C. Lilly, Karl Pribram, Lama Govinda, Bruder David Steindl-Rast, der Huichol-Schamane Don Jose und andere. Leider sind zwei wichtige Protagonisten während der Dreharbeiten verstorben: der Anthropologe und Schamane Michael Harner und der Psychologe und psychedelische Pionier Ralph Metzner.
Der Film bestätigt mit den LSD-Sitzungen zweifelsfrei, dass das Geburtstrauma im Unbewussten aufgezeichnet wird und in der Psyche eine sehr wichtige Rolle spielt. Ebenso zeigt er, dass Bad Trips sich in positive Erfahrungen verwandeln können. Der Film macht außerdem klar, dass Psychedelika das Potenzial haben, eine innere positive Transformation bei uns Menschen herbeizuführen und dass sie für das Überleben unseres Planeten sehr wichtig sein könnten.

Lucys Xtra

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