Cannabis

XtraWas man inzwischen weiß, was man wirklich wissen sollte

Text: Maximilian Plenert

Das Thema Cannabis bietet für junge Forscher einen großen Vorteil: Die Hälfte aller wissenschaftlichen Publikationen zum Thema Cannabinoide erschien erst in den letzten 10 Jahren. 50 Prozent aller Artikel auf PubMed zu «Cannabidiol» oder «Medical Cannabis» erschienen zwischen 2015 und 2019, in den letzten 10 Jahren waren es über 70 Prozent aller Publikationen. Damit gibt es vergleichsweise wenige Experten, die einen echten Wis-sensvorsprung aufweisen können.

Die aktuellen Erkenntnisse waren vor 10 Jahren technisch, insbesondere chemisch-analytisch sowie genetisch, schlicht unmöglich bis undenkbar. 10 Jahre entsprechen etwa dem Zeitraum, den es braucht, um ein Medizinstudium und eine Facharztausbildung abzuschließen. Anders ausgedrückt: Als die Mediziner, die aktuell ihren Facharzt gemacht haben, mit dem Studium begonnen haben, gab es die Hälfte der Publikationen über Cannabinoide schlichtweg noch nicht.

Als ich vor zwei Jahren – nach über zehn Jahren Tätigkeit – vom Deutschen Hanfverband zu Sens Media wechselte, dachte ich, dass ich ganz solide Kenntnisse über Cannabis besitze. Heute weiß ich, dass ich damals kaum etwas wusste. Anlass, mich noch intensiver mit Cannabis zu beschäftigen, war meine ADHS-Erkrankung. Erst als Erwachsener erhielt ich 2013 meine ADHS-Diagnose, 2014 wurde ich – mit einer Ausnahmeerlaubnis für eine ärztlich begleitete Selbsttherapie mit Cannabisblüten – offiziell Cannabispatient.

In diesem Artikel versuche ich zu zeigen, warum es wichtig ist, die einzelnen Sorten Cannabis zu unterscheiden. Cannabis ist in Deutschland offiziell laut Monographie und Ausschreibung nur eine THC/CBD-Pflanze, unterschiedliche Sorten und die wei-teren Inhaltsstoffe außer THC und CBD kommen darin nicht vor. Für Patienten können diese Unter-schiede sehr wichtig sein; daher sollten ihre Ärzte und Apotheker zumindest lernen, welche Sorten ähnlich und damit austauschbar sind und welche nicht.

«Es kommt auf die Sorte an» ist nur ein Beispiel; es existieren weitere Themen, bei denen es relevante Wissenslücken gibt oder bestehendes Wissen nicht genutzt wird – Cannabis kann mehr, als klinisch bewiesen ist.

 

Offizieller Stand: Cannabis = THC + CBD
Cannabis sativa ist in den Köpfen vieler Fachleute nur eine THC-Pflanze. Cannabis als Bezeichnung für die Pflanze, Cannabisblüten/Marihuana, THC und der Begriff Cannabinoide werden synonym verwendet. Die Existenz von CBD und anderen Cannabinoiden ist durchaus bekannt, mehr aber auch nicht. Dass CBD eine antipsychotische Wirkung besitzt und das Verhältnis von THC und CBD einen wichtigen Einfluss auf die psychischen Risiken des Cannabisgebrauchs hat, ist Stand der aktuellen Wissenschaft, aber allgemein kaum bekannt. Allerdings war der CBD-Gehalt professioneller Sorten auf dem Schwarzmarkt in den letzten Jahren ohnehin äußerst gering.Und hier kommen die weiteren Wirkstoffe der Cannabispflanze, insbesondere die Terpene, zum Tragen. Sie haben einerseits selbst eine Wirkung, andererseits steuern und modulieren sie die Wirkung von Cannabinoiden. In diesem Kontext lässt sich vereinfacht sagen, dass einige dieser anderen Stoffe ähnlich wie CBD wirken und das fehlende CBD ersetzen – je nach Sorte mehr oder weniger stark.

Laut offizieller amtlicher Beschreibung im Rahmen der Ausschreibung des Anbaus ist Cannabis eine Pflanze, die sich als Medizin über genau zwei relevante Inhaltsstoffe definiert: THC und CBD. In Bezug auf den Rausch und den Einsatz bei vielen Erkrankungen sind diese beiden Stoffe für einen großen Teil der Wirkung verantwortlich. Für die Fragen, in welche Richtung der Rausch geht, wie psychotisch Cannabis wirkt, wie verträglich es als Medizin wirkt oder was die Wirksamkeit bei bestimmten Diagnosen angeht, sind die weiteren Inhaltsstoffe relevante Größen.

Wie beschränkt die amtliche Sicht auf Cannabis als «THC-CBD-Pflanze» ist, zeigt ein Gedankenexperiment, bei dem Medizinalcannabis durch medizinischen Alkohol ersetzt wird. Laut Ausschreibung wäre Alkohol vom Typ 1 definiert über einen Ethanolalkohol-Gehalt von 18 bis 22 Prozent. Damit könnte der Hersteller von Medizinalalkohol Typ 1 entweder Portwein, Likör, Wermut oder Magenbitter an das BfArM liefern. In jeder Charge könnte etwas anderes enthalten sein – Hauptsache, der Ethanolgehalt liegt zwischen 18 und 22 Prozent. Damit könnte der Hersteller von Medizinalalkohol Typ 1 entweder Portwein, Likör, Wermut oder Magenbitter an das BfArM liefern. In jeder Charge könnte etwas anderes enthalten sein – Hauptsache, der Ethanolgehalt liegt zwischen 18 und 22 Prozent.

In der Praxis kann die Beschränkung auf THC und CBD dazu führen, dass Anbieter von Cannabisblüten aus Kanada ohne einen Wechsel beim Produktnamen von einer Charge zur nächsten die Sorte wechseln. Das Gleiche kann jedem Patienten passieren, wenn der Arzt statt einer nicht verfügbaren Sorte eine andere Sorte mit dem gleichen THC-Gehalt verschreibt – wobei es der Arzt im Gegensatz zu Cannabisfirmen kaum besser wissen kann.

Die antipsychotische Wirkung von CBD
In Deutschland war und ist Dronabinol, also reines THC, das am häufigsten eingesetzte Cannabis-Medikament. Das ist verständlich, da Dronabinol das erste verschreibungsfähige Cannabis-Medikament war. Reines THC verursacht oral aufgenommen langanhaltende psychotrope Effekte. Diese sind als Nebenwirkungen ein Problem beim Einsatz von Dronabinol; Patienten brechen die Therapie wegen Unverträglichkeit ab oder die Dosierung kann nicht soweit erhöht werden, wie es für eine ausreichende Wirkung notwendig wäre. Für Patienten, die körperlich geschwächt sind – insbesondere ältere Patienten – kann das Risiko eines Sturzes ein guter Grund gegen eine Therapie mit Dronabinol sein.Andere Wirkstoffe in Cannabis aus der Gruppe der Terpene wirken ähnlich wie CBD oder erfüllen eine ähnliche Funktion. Cannabis-Ärzte aus anderen Ländern nutzen in der Regel statt Dronabinol eher THC-reiche Vollspektrum-Extrakte mit allen oder zumindest vielen weiteren Inhaltsstoffen; sie können über die starken Nebenwirkungen von Cannabis in Form von Dronabinol in Deutschland nur den Kopf schütteln. Die medizinische Fachwelt konnte dies im Kontext der Entwicklungsgeschichte von Sativex beispielsweise 2008 in Übersichtsartikeln finden, die eigentlichen klinischen Untersuchungen dazu wurden im Jahr 2003 veröffentlicht.
besserlebenmitcannabis.de/optimal-bei-schmerzen-thc-plus-cbd/

 

«Nun sag, wie hast du’s mit den Sorten?»
Für erfahrene Konsumenten und Patienten ist es offensichtlich, dass bestimmte Sorten über den Geruch, das Aussehen oder die Wirkung unterscheidbar sind. Leider prallen aufgrund der Verbotsgeschichte von Cannabis bei diesem Thema Welten aufeinander. Einerseits gibt es Forscher, die sich neu mit Cannabis beschäftigen und mitunter so tun, als müssten sie bei null anfangen. Andererseits stammt das meiste praktische Wissen zu Cannabis, Sorten und Wirkungen oft aus illegalen, nicht öffentlichen Bereichen.

Das kollektive Populärwissen enthält durchaus auch handfeste und solide Fakten. Exemplarisch wäre Kalifornien zu nennen; dort begann mit der Legalisierung von Cannabis als Medizin über eine Volksabstimmung im Jahr 1996 die Renaissance von Cannabis. Noch werden diese Jahrzehnte der Erfahrungen von Patienten, Ärzten, Caregivern, Dispensaries und Growern verhöhnt, belächelt oder ignoriert – dabei könnte dies die Basis sein. Was sich bei Patienten bewährt hat, sollte der Forschung zumindest als Ansatzpunkt gut genug sein.

Sortennamen – von OG Kush über Purple bis Cookies – oder Bezeichnungen wie Haze stehen für bestimmte Eigenschaften; es sind Codes, nicht hundertprozentig genau, sondern unscharf mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit. Es ist nicht der wissenschaftliche Standard, aber die Beschreibungs-sprache, die man verwendet, um gesammelte Erfahrungen in Wissen umzuwandeln.

Lucys Xtra

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