Text Markus Berger
Lucys Geschichte – In dieser Rubrik werfen wir einen Blick zurück auf die Geschichte der multidisziplinären Forschung auf dem Gebiet der Bewusstseinsveränderung und der psychoaktiven Substanzen.
Alexander Theodore Shulgin, von seinen Freunden Sasha genannt, war ein Chemiker, Pharmakologe, Autor und Psychonaut russischer Abstammung. Er lebte in den USA, wurde am 17. Juni 1925 in Berkeley, Kalifornien, geboren und starb am 2. Juni 2014 im Alter von 88 Jahren in seinem Heimatort Lafayette, ebenfalls in Kalifornien.
Sasha Shulgin war ein Ausnahmewissenschaftler. Nach seinem Studium der Biochemie an der Universität Berkeley und einem Intermezzo als Forschungschef in einem Unternehmen ging Shulgin in die Forschungsabteilung der US-amerikanischen Chemiefirma Dow Chemical. Er entwickelte ein potentes Insektizid namens Mexacarbat, das seinem Arbeitgeber das Geld nur so in die Kasse spülte. Im Gegenzug ermöglichte der Konzern dem Chemiker, sich mit seiner Arbeit über die psychoaktiven Moleküle zu befassen.
Ein spezielles Thema Sasha Shulgins war das MDMA. Eine Studentin berichtete ihm 1967 von der geistbewegenden Wirkung dieser Substanz, die 1912 von einem Chemiker der deutschen Firma Merck auf der Suche nach einem blutstillenden Medikament als Zwischenprodukt hergestellt worden, 1914 offiziell patentiert und kurze Zeit später in Vergessenheit geraten war. Shulgin nahm sich der Substanz an, die er als ein Fenster zur menschlichen Psyche bezeichnete. Er verstand MDMA als Herzöffner, Mittler zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein, Mittler zwischen den Menschen und als Psychopharmakon, das in der Psychotherapie eingesetzt werden kann.
Sasha Shulgin war einer der wichtigsten Referenten, Aktivisten und Autoren der psychoaktiven Gemeinde. Er brachte uns Bücher wie Pihkal (Phenethylamines I have known and loved) und Tihkal (Tryptamines I have known and loved), die berühmte Ask Dr. Shulgin-Kolumne im Internet sowie bahnbrechende Abhandlungen, Bücher und Artikel. Shulgin entwickelte über 300 psychoaktive Substanzen, beispielsweise das halluzinogene Phenethylamin DOM und die 2C-Familie, eine Reihe von potenten Phenethylaminen, zum Beispiel 2C-B, 2C-E und 2C-I. Essenziell für psychonautische Forscher ist die von ihm entwickelte «Shulgin-Skala». Damit kann man die pharmakologische Effektivität von Psychedelika bezogen auf die subjektive Erfahrung einordnen.
Am 17. November 2010 erlitt Sasha Shulgin einen Schlaganfall, und es wurde die Diagnose Leberkrebs gestellt. Dazu kamen finanzielle Sorgen, die mit den Kosten für Medikamente und Klinik einhergingen. Am 2. Juni 2014 um 17 Uhr Ortszeit wechselte Sasha Shulgin die Dimension. Ann Shulgin schrieb anlässlich Sashas Tod auf Facebook: «Sasha starb heute um exakt 5 Uhr am Nachmittag. Er war umgeben von Familie, Pflegern und buddhistischer Meditationsmusik. Er starb würdevoll, ohne sich quälen zu müssen.»
Alexander T. Shulgin
Entaktogen-Forschung – eine Gratwanderung
Beim vorliegenden von Michael Schlichting ausgewählten Text handelt es sich um eine von Prof. Dr. Hartmut Latsch (Uni Göttingen) besorgte Übersetzung des Vortrags Entactogen Research: An Act of Balance, den Alexander T. Shulgin auf dem 1. Internationalen ECBS-Kongress 1992 in Göttingen hielt. Die englische Originalabschrift findet sich im Buch Abstracts and Selected Papers von Michael Schlichting und Hanscarl Leuner (1995), Reihe Welten des Bewusstseins /Worlds of Consciousness (Band 5), Berlin: Verlag für Wissenschaft und Bildung.
Bei den meisten der auf der Tagung gehaltenen Vorträge geht es um die Erforschung veränderter Bewusstseinszustände. Diese Zustände können vielerlei Ursachen haben, spontan entstehen, von spezifischen Traumata herrühren und andere Ursachen haben, die nicht offensichtlich sind. Für den Fall, dass solche veränderten Bewusstseinszustände absichtlich herbeigeführt werden, lassen sich verschiedene hypnotische Techniken diskutieren, die einen Trance-Zustand induzieren. Am konsequentesten ist jedoch die Anwendung einer psychedelischen Droge. Von diesen steht eine ganze Reihe zur Auswahl, die alle ihre Gemeinsamkeiten, jedoch auch ihre individuellen Unterschiede besitzen.
Forschung mit psychedelischen Drogen verlangt zuallererst eine Strukturierung der Fragestellung; erst dann kann die Antwort durch eine Kombination aus richtigem Untersuchungsobjekt und richtigem Mediator gesucht werden. Fragestellungen nach dem Bewusstsein betreffen per definitionem den Menschen und sein Umfeld. Labortiere mögen bei Bewusstsein sein, aber sie zeigen nicht das, was wir als «Bewusstsein» selbst bezeichnen. Sie lassen sich trainieren, um auf Zeichen zu reagieren, und können eine Wahl treffen auf der Grundlage primitiver Triebe wie Durst oder Hunger und der Suche nach Vergnügen oder Vermeidung von Schmerz. Und ihre Gehirne sind eine bemerkenswerte Mischung aus nassem Gewebe und komplexer Chemie. Es lässt sich verfolgen, wohin eine Droge im Gehirn gelangt, aber es gibt keinen Weg zu sehen, was sie dort tut, wenn sie einmal dort angelangt ist. Es gibt keine Möglichkeit, einem Labortier Fragen über den Geist oder die Seele zu stellen. Das beobachtbare Verhalten kann nicht die Gedanken offenlegen. Das Zurechtfinden in einem Irrgarten kann nicht mit Begriffen wie Vorstellungskraft interpretiert werden. Die Kommunikation ist jedoch ein essentieller Bestandteil einer jeden Studie über Bewusstseinszustände.
Da die Experimente also am Menschen erfolgen müssen, ist große Sorgfalt erforderlich, um die ethischen und rechtlichen Bestimmungen einzuhalten, die Teil des Forschungsprojekts sind. Diese Bemerkungen betreffen die Forschung an bekannten psychedelischen Drogen. Ich möchte hier jedoch die Einzelheiten diskutieren, die mit
der Entdeckung und Beschreibung einer neuen psychedelischen Droge verbunden sind. Wie erfindet man, wie kreiert man eine neue Droge? Ein sehr großer Prozentsatz der medizinisch genutzten Drogen hat zum Ziel, Fehlfunktionen zu beheben, also einen Patienten zu heilen. Er hat eine Infektion, also bekommt er ein Antibiotikum. Er hat keine Pankreas mehr, also bekommt er Insulin. Seine Aktivität entspricht nicht dem normalen Standard, geben wir ihm also ein Stimulans.
Von den verbleibenden Drogen dienen diejenigen, die man gesunden Menschen gibt, vor allem der Vorbeugung: Sie sollen Krankheiten verhindern. Man impft gegen Diphtherie, vielleicht auch gegen Grippe. Anästhetika und Schmerzmittel verabreicht man Menschen, um das Erleben von Schmerz und Unannehmlichkeiten bei Operationen zu vermeiden. Sie haben nicht zum Ziel, einen Knochenbruch zu heilen. In einer allgemein akzeptierten Praxis der Medizin kommt es selten vor, dass ein Medikament einem Gesunden verabreicht wird, um seine Verfassung zu verbessern. Wenn er sich wohlfühlt, sind Arzneimittel unnötig.
Die medizinische Definition vollkommener Gesundheit betrifft – zumindest in der westlichen Welt – nur den physischen Körper. Deren Pharmakopöe (Arzneimittelbuch) enthält daher keine Drogen, die Probleme des Geistes, des Verständnisses oder der Wahrnehmung ansprechen. Auf dieser Basis ist der Prozess der Drogenentwicklung recht prosaisch. Im Falle eines Parasiten, Bakteriums oder Virus hat man es mit dem Erreger oder mit dem infizierten Wirt zu tun. Der Bazillus kann auf einem Medium gezüchtet werden, mit Tausenden neuer Verbindungen oder Pflanzenextrakten, bestimmten Strahlungen oder religiösen Beschwörungen behandelt werden, bis etwas seine Integrität verletzt. Dies nennt man einen In-vitro-Assay. Unsere Labortiere können als Wirt dienen, und die Verbindungen oder Extrakte oder Prozeduren können an ihnen erprobt werden.
Lucys Xtra
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