Drogenkultur: Raum und Rausch

XtraFunktionale Raumgestaltung und psychoaktive Kommunikation

Coffeeshop Bulldog in Amsterdam.

Text und Fotos: Michael Kleim

Der Begriff Kultur leitet sich vom lateinischen Wort „cultura“ (Bearbeitung, Pflege) ab und beschreibt die Fähigkeit des Menschen, kreativ-gestalterisch mit seiner Umwelt umzugehen. Die Grundvoraussetzungen für kulturelle Entwicklungen liegen in Kommunikation und Austausch.

Drogengebrauch berührt wesentliche kulturelle Aspekte. Wir begegnen einem komplexen Phänomen mit flexiblen Wechselwirkungen. Die Entwicklung von Strategien im Umgang mit Drogen erfolgte oft unter kulturellem Blickwinkel. Differenzierte Verhaltensweisen, Regeln und Rituale entstanden, um Drogen kulturell einbinden und potenzielle Risiken und Gefahren reduzieren zu können.

Andererseits haben Drogen die menschliche Wahrnehmungsmöglichkeit beeinflusst und wirkten so auf kulturelle Ausdrucksformen zurück. Drogen sind Spiegel für unsere Realität, haben aber auch auf die Entwicklung und Entfaltung kultureller Dynamik eingewirkt.

Diese Dynamik können wir auch im Bereich von Raumgestaltung wiedererkennen.

Gebäude

Gebäude, die für einen konkreten, kommunikativen Drogengebrauch bestimmt sind und darin einer eigenen Ästhetik entsprechen, wurden im Rahmen unterschiedlichster Kulturen errichtet:

  • Pub, Kneipe und Gasthaus
  • Brauereien
  • Bar
  • Absintherie
  • Weinkeller, Weinstube
  • Teehaus
  • Kaffeehaus
  • Cannabis-Coffeeshop
  • Shisha-Bar
  • Kava Kava – Gemeinschaftshaus
  • Opiumhöhlen
  • Tipis und Rundhäuser für das Peyote-Ritual
  • Tempelanlagen für Heil- und Trancezeremonien
  • Whiskey-Destille

Diese Räume wurden darauf ausgerichtet, einem gemeinschaftlichen Drogengebrauch den entsprechenden kommunikativen, wie ästhetischen Rahmen zu geben.

In kultureller Hinsicht sind diese Räume aus verschiedenen Gründen interessant und wertvoll:

Die Architektur der Räume weist oft eine Originalität auf, die auch auf die Funktion als kollektiver Drogenraum zurückzuführen ist. Bars, Pubs, Kaffeehäuser und Coffeeshops sollen bereits an ihrem äußeren Erscheinungsbild als solche erkannt werden. Gleichzeitig spiegeln diese Gebäude regionale und zeitgeschichtliche Elemente der Architektur wider.

Manche Räume befinden sich in Gebäuden mit direktem Bezug zur Herstellung der Drogen, so in Weinkellern, Brauereien, Kaffeeröstereien.

Die Innenausstattung dient dem Zweck der Räume. Es gibt eine Ausgabestätte für die Drogen. Das kann eine Einrichtung für den Ausschank sein, z.B. ein Tresen, ein Zapfhahn oder eine Bar. In niederländischen Coffeeshops sind Verkaufsstellen für Haschisch und Marihuana integriert. In den Räumen sind passende Gebrauchsplätze eingerichtet. Die für den entsprechenden Drogengenuss benötigten Gegenstände, Utensilien und allerlei Beiwerk werden in der Regel vor Ort zur Verfügung gestellt, so z.B. Wasserpfeifen in Shisha-Bars bzw. Pfeifen und Besteck für das Inhalieren von Opium in den Opium-Salons.

Die Ästhetik der Raumgestaltung bezieht sich auf die zu konsumierende Droge. Symbolische Bezüge (Hopfenblüten, Weinreben, Hanfblätter) sind oft im Design zu finden. Die Gesamtatmosphäre des Raumes richtet sich auf seine Aufgabe als kollektiver Drogengebrauchsraum aus.

Diese Räume erfüllen eine wesentliche soziale Funktion. Sie dienen der Kommunikation, schaffen Orte der Begegnung und strukturieren gesellschaftliche Rhythmen. Sie bieten an, freie Zeit gemeinsam zu verbringen und Höhepunkte zusammen zu feiern.

An diesen Orten geschieht intensiver kultureller Austausch. Dabei geht es nicht allein um Alltags- oder Drogenkultur. All diese Räume waren an der Entwicklung von Literatur, Journalistik, Philosophie, Bühne, Politik und Religion beteiligt. Und der Austausch zwischen Drogengebrauch und Architektur findet sich direkt im Gebäude selbst.

Historische Bezüge geben manchen dieser Räume eine weitere, besondere Bedeutung. Emigranten-Cafés erzählen auf eigene Weise bis heute von Verfolgung und Exil. Historische Ereignisse haben auch in sozialen Drogengebrauchsräumen stattgefunden. Die Gründung der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschland SAP als Vorläuferin der SPD erfolgte zum Beispiel 1875 im Wirtshaus „Tivoli“ in Gotha.

Solche Räume waren und sind mit konkreten biografischen Verankerungen verknüpft. Menschen suchten hier Zuflucht, Kontakt, Inspiration oder eine anregende Atmosphäre zum kreativen Schaffen. Der Schriftsteller E.T.A. Hoffmann hinterließ Anfang des 19. Jahrhunderts in Berlin in seinem Stammlokal „Lutter & Wegner“ am Gendarmenmarkt bleibenden Eindruck. Und im „Café des Westens“ am Kurfürstendam, auch „Café Größenwahn“ genannt, traf sich Anfang des 20. Jahrhunderts die Szene der Bohème und Literaten. Hier waren unter anderem Else Lasker-Schüler, Erich Mühsam und Carl Sternheim zu Hause.

Manche dieser Herbergen für Drogengebraucher/innen haben inzwischen historischen Wert, sind als kulturelle Schätze anerkannt und dienen als Museum.

Pivovar U Medvídků

Das kleine Biermuseum Prag

Im Prager Altstadtzentrum befindet sich eine urige Kneipe, die nicht nur die kleinste eigene Brauerei der Stadt, sondern in ihren Räumen und über mehrere Etagen verteilt auch eine Ausstellung rund um das berühmte alkohol- und hopfenhaltige Getränk beherbergt. Der Besucher kann bei dieser Mischung aus Museum und Gastraum böhmische Kultur live erleben.

umedvidku.cz/de

Retzer Erlebniskeller

Größter historischer Weinkeller Österreichs

Unter der Stadt Retz, in einem 21 Kilometer langen Labyrinth, können Schaulustige den Zauber der uralten Weingeschichte und die Kunst des Weinanbaus entdecken. Führungen inklusive einer anschließenden Weinverkostung sind möglich.

www.erlebniskeller.at

Oberrheinisches Tabakmuseum Mahlberg

Das Museum wirbt mit dem Slogan „Regionale Kulturgeschichte nicht nur für Raucher“. Auf vier Etagen und in einem Tabaktrockenschopf wurde in der alten Zigarrenfabrik von Mahlberg die wohl umfangreichste Ausstellung rund um den Tabak gestaltet. Landwirtschaftliche und industrielle Arbeitsgänge zur Tabakherstellung werden dem Besucher vorgestellt, Tradition und Dimension des Tabakanbaus werden ebenso, wie die kulturelle Bedeutung dieser Pflanze thematisiert.

www.tabakmuseum-mahlberg.de

Tabakscheune/Tabakmuseum Vierraden

Zigarettenfabrik Mahalesi.

Eine ehemalige Tabakscheune beherbergt in unterschiedlichen Abteilungen die Ausstellung, welche dem Tabakanbau, dessen Verarbeitung und Handel in der Uckermark gewidmet ist. Themen sind botanische, kulturelle und ökonomische Seiten der Tabakpflanze. Auch dem Schmuggel hat sich diese Exposition gewidmet.

Lucys Xtra

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