Könnten zweihundert bewusste Menschen die Welt verändern?

XtraEssay über das Erwachen der Menschheit

Foto: CC-BY-SA 2.0 Moyan Brenn from Italy

Text: Bruno Martin

Es ist absolut möglich, dass jenseits der Wahrnehmung unserer Sinne ungeahnte Welten verborgen sind.
Albert Einstein

Zweihundert bewusste Menschen können die Welt verändern“, war die tatsächliche Aussage des Lebensphilosophen und spirituellen Lehrers G. I. Gurdjieff (1866-1949, Gurdjieff wirkte ab 1914 in Russland, ab den 1920er Jahren in Frankreich. Er zog einige bekannte Schriftsteller, Journalisten und Wissenschaftler in seinen Kreis, die in der damaligen Zeit großen intellektuellen Einfluss hatten.).

Ich habe es als Frage umformuliert, denn ich sehe es heute nach einhundert Jahren mit einem anderen Blick und Verständnis, was ich noch ausführen werde. Gurdjieff sagte in einem Vortrag vor seinen Schülern: „Wie oft bin ich schon gefragt worden, ob Kriege verhindert werden können. Gewiss können sie das. Dazu ist es nur notwendig, dass die Menschen aufwachen. Das scheint eine Kleinigkeit zu sein. Es ist jedoch das Schwerste, was es gibt, weil dieser Schlaf durch das ganze uns umgebende Leben, durch alle uns umgebenden Verhältnisse veranlasst und aufrecht erhalten wird.“ Denn Menschen würden keine Kriege führen, wenn sie aus dem alltäglichen Schlaf aufwachen würden. „Wenn sie erwachen und was zum Erwachen führt, hat in Wirklichkeit einen Wert.“

G.I. Gurdjieff

Seine Aussage hat er vor rund einhundert Jahren getroffen. Damals wütete der erste Weltkrieg, viele „schlafende“ Menschen stürzten sich, begeistert von der Kriegspropaganda, in den Krieg. Gustave le Bon, ein Sozialpsychologe, schrieb schon 1910 sein Buch über die Psychologie der Massen, das heute noch genauso aktuell ist wie damals. Möglicherweise kannte Gurdjieff dieses Buch auch, denn in seinem 1300-Seiten-Buch Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel schreibt er, dass „die größte Krankheit der Menschheit die Beeinflussbarkeit ist“. Erwachen bedeutet auch, der eigenen Egozentriertheit bewusst zu werden.

Gurdjieff floh mit seiner Familie und Schülern vor der bolschewistischen Revolution. Viele seiner Schüler waren vorher von der Theosophie beeinflusst, die eine Vorstellung von „höheren Wesen“ verbreitet. Gurdjieff nahm geschickt diese Ideen auf, die er aber ganz neu definierte, indem er von „bewussten Menschen“ sprach. Nach dem ersten Weltkrieg entstanden in den westlichen Industrieländern Demokratien, die Menschen wirkten an der politischen Willensbildung mit ̶ auch wenn das in Deutschland mit dem Naziregime ab 1933 und dem stalinistischen Russland erst einmal in eine gegensätzlich Richtung umschlug und zu einem neuen Krieg führte. Insofern hatte Gurdjieff völlig recht mit den „schlafenden Menschen“, die wie hypnotisierte Schafherden beeinflusst werden konnten. Doch selbst zweihundert bewusste Menschen hätten darauf wohl keinen Einfluss gehabt …

Das führt zu der Frage: Könnten starke „bewusste Schwingungen“, ausgehend von vielen Menschen, doch einen Einfluss auf Geschehnisse haben?

In der Süddeutschen Zeitung vom 20. Februar las ich einen Artikel über die Proteste in Myanmar gegen den Putsch der Militärs. „Was der Wahrsager und Zauberer Lin Nyo Tar Yar am 2. Februar postete, konnte dem neuen Herrscher Myanmars nicht gefallen: Kaum hatte die Junta geputscht, brachte der junge Mann, der besondere spirituelle Kräfte für sich beansprucht, einen Fluch gegen die Generäle in Umlauf.“

In seinen Post waren Fotos gestellt. Sie zeigen eine Puppe mit Totenschädel, gekleidet in einen purpurfarbenen Mantel. Solche Schreckgespenster sollen den Putschisten Angst einflößen. Doch angesichts vieler erschossener Demonstranten hat das anscheinend nicht viel bewirkt …

Aber wer weiß das schon genau? Wenn viele Menschen in autoritär regierten Ländern nicht mit der jeweiligen Regierung einverstanden sind, haben sie kaum ein Chance gegen eine Militärregierung. Man sieht das in Belarus und vielen anderen Ländern. Dennoch können wache Menschen etwas bewirken, vielleicht nicht sofort, aber irgendwann. Die gewaltlosen Aktionen von Mahatma Gandhi zum Beispiel, der dadurch die britische Besatzung Indiens beendigen konnte, war nur möglich, weil sehr viele Inder seine Aktionen körperlich wie spirituell unterstützten. So wurde ein „Energiefeld“ des Widerstands vorbereitet, der schließlich die Besatzer zum Einlenken und zum Rückzug aus Indien brachte.

Ob „Zauberei“ oder „bewusste Schwingungen“ kurz- oder langfristig Wirkungen haben, möchte ich im Folgenden weiter thematisieren. Wenn wir besondere oder „paranormale“ Phänomene verstehen wollen, dann ist es notwendig, auch hierbei genaue Unterscheidungen zu treffen. Aus eigener Erfahrung bin ich überzeugt, dass es so etwas gibt, wie in „Kohärenz mit einem Feld“ zu sein. Viele kennen dieses Phänomen, zum Beispiel wenn sie in einer Gruppe mit mehreren Menschen eine gemeinsame Aktivität durchführen, gemeinsame Übungen machen. Es entsteht, je nachdem wie intensiv, bewusst und absichtsvoll eine gemeinsame Übung gemacht wird, ein gemeinsames „Schwingungsfeld“ in der Gruppe.

Doch haben wir durch unsere Gedanken und auch Taten einen Einfluss auf ein Geschehnis, eine gesellschaftliche Veränderung?

Was ist Bewusstsein?

Vorher sollte geklärt werden: Wann ist man ein „bewusster Mensch“? Ich nehme an, dass jede und jeder, die/der diesen Text liest, sich für „bewusst“ hält. Gurdjieff meint damit nicht die Menschen mit Bildung und Verstand, die er ansprach. Sind sie dadurch „vernünftiger“ – ein Begriff, den er auch gern benutzte. Sind die heute gebildeten und informierten Frauen und Männer insgesamt „bewusster“ für politische und ökologische Probleme und offen für spirituelle Kräfte? Die Aussagen „Ich bin mir dessen bewusst“ oder „Klar, ich weiß das“, sind schon beinahe inflationär. Selbst ein Verbrecher ist sich dessen „bewusst“, dass er gegen das Gesetz verstößt …

Der Autor mit Timothy Leary. Foto: Christian Rätsch

Eine vertrackte Sache. Bin ich bewusst, wenn ich absichtlich gegen das Gesetz verstoße? Bin ich bewusst, wenn ich über etwas nachdenke, meine Gefühle wahrnehme oder meinen Körper spüren kann, ohne irgendwo Schmerzen zu haben? Oder bin ich mir „meiner Selbst bewusst“, wenn ich mit anderen Menschen spreche und meine Gedanken mitteile? Bin ich bewusst, wenn ich körperlich arbeite, spazieren gehe oder Auto fahre?

Die meisten haben keine Ahnung davon, dass sie „schlafende Menschen“ sind, die völlig in ihren Automatismen und dem Routineleben aufgehen, weil sie es in ihrem „Schlaf“ nicht erkennen können. Sind sie „bewusst“, weil sie intellektuell geschult sind, ihre Steuererklärung beherrschen, DNA sequenzieren oder komplizierte Algorithmen schreiben können?

Doch wer legt den Maßstab dafür an? Ist es möglich, Bewusstsein zu messen? Gurdjieff sagt: „Beide Bewusstseinszustände, der Schlaf- und der Wachzustand, sind gleichermaßen subjektiv. Erst wenn ein Mensch beginnt, sich seiner selbst zu erinnern, wacht er wirklich auf.“

Der Begriff Selbsterinnerung ist besser verständlich, wenn wir diesen als sich selbst innewerden, sich selbst und andere gleichzeitig wahrnehmen umschreiben. Es geht nicht um Gedächtnisleistung, sondern vielmehr um ein ganzheitliches Sich-selbst-Wahrnehmen, in sich selbst zentriert zu sein – und das auch zu erkennen. Die Verbindung mit „Bewusstseins-Energie“ lässt uns wahrnehmen, was, wer und wie wir sind. Es befähigt uns, das zu denken, was wir denken wollen. Es befähigt uns, selbständig zu handeln oder zu fühlen  ̶  ohne äußere Einflussnahme. Eine schwierige Erkenntnis! Wie und wann kann ich von meiner inneren „Wesenserkenntnis“, geführt von meinem „Gewissen“, das heißt von innerem Wissen, bewusst denken und handeln?

Lucys Xtra

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