Psychologie veränderter Bewusstseinszustände

Erinnerung an Adi Dittrich (1941–2013)

Auszug aus dem Heft

In dieser Rubrik werfen wir einen Blick zurück auf die Geschichte der multidisziplinären Forschung auf dem Gebiet der Bewusstseinsveränderung und der psychoaktiven Substanzen. In jeder Lucy‘s-Ausgabe rufen wir einen bedeutenden psychonautischen Experten in Erinnerung und würdigen ihn, indem wir auszugsweise einen grundlegenden Text nachdrucken.

Adolf Erhardt Dittrich – von seinen Freunden Adi genannt – wurde am 11. August 1941 im Sudetenland (heute: Tschechien) geboren, von wo seine Familie 1946 nach Wuppertal übersiedelte. Dort machte Dittrich 1961 sein naturwissenschaftliches Abitur und studierte anschließend an der Universität Köln Psychologie. Nach einer ersten Anstellung in der Pharmaindustrie und danach als erster Psychologe an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (damals «Burghölzli»), wo er von 1970 bis 1985 in der Forschungsabteilung als Methodiker und Statistiker arbeitete, unter anderem auch in einem Projekt über Cannabis.
Dies war der Beginn seiner wissenschaftlichen Arbeiten über veränderte Bewusstseinszustände, die durch den Einfluss psychoaktiver Substanzen oder durch psychologische Auslöser hervorgerufen werden. 1972 wurde er Lehrbeauftragter für Klinische Psychologie an der Universität Zürich und habilitierte sich 1983 mit seinem Grundlagenwerk Ätiologieunabhängige Strukturen veränderter Wachbewusstseinszustände. 1990 wurde er Privatdozent und Titularprofessor und gründete sein eigenes Psychologisches Institut für Forschung und Beratung (PSIN). 1985 war er neben Hanscarl Leuner und Albert Hofmann Gründungsmitglied – und viele Jahre Vizepräsident – des Europäischen Collegiums für Bewusstseinsstudien (ECBS).
Adi Dittrich starb am 22. Oktober 2013 in Zürich. Er hinterlässt uns in seinen mehr als hundert wissenschaftlichen Veröffentlichungen grundlegende Erkenntnisse auf dem Gebiet der differentiellen Psychologie veränderter Bewusstseinszustände. Mit der Entwicklung des aus drei Skalen bestehenden Fragebogens (APZ) lieferte er einen wichtigen Beitrag zur qualitativen und vor allem auch quantitativen Erfassung des individuellen Erlebens in veränderten Wachbewusstseinszuständen. Die drei Skalen «Ozeanische Selbstentgrenzung» (OSE), «Angstvolle Ich Auflösung» (AIA) und «Visionäre Umstrukturierung» (VUS), die Adi Dittrich auch einmal als «Himmel, Hölle und Visionen» bezeichnete, beschreiben Grunddimensionen veränderter Bewusstseinszustände, wie sie unter dem Einfluss halluzinogener psychoaktiver Substanzen wie auch bei sensorischer Deprivation (z. B. im Samadhi-Tank), Schlafentzug, Hyperventilation, in hypnagogen Zuständen oder nach Reizüberflutung auftreten können. Hierüber berichteten Adi Dittrich und Mitarbeiter seiner Arbeitsgruppe auf dem 1. Internationalen Kongress des ECBS, «Welten des Bewusstseins», 1992 in Göttingen.

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Michael Schlichting

Der nebenstehend dokumentierte Text entspricht Teil 1 des Beitrags von I. Bodmer, A. Dittrich und D. Lamparter: «Außergewöhnliche Bewusstseinszustände – Ihre gemeinsame Struktur und Messung» in: Welten des Bewusstseins. Hrsg. A. Dittrich, A. Hofmann und H. Leuner. Bd. 3, Experimentelle Psychologie, Neurobiologie und Chemie. Verlag für Wissenschaft und Bildung (VWB), Berlin 1994, Seiten 45-48

Außergewöhnliche Bewusstseinszustände (ABZ) können durch mannigfaltige Reize ausgelöst werden. Versucht man, diese Reize in eine Systematik zu bringen, so liegt zunächst eine Einteilung in zwei große Gruppen nahe, nämlich die pharmakologischen und die psychologischen Auslöser.

1.1 Pharmakologische Auslöser
Die wichtigsten pharmakologischen Auslöser sind die Halluzinogene. Zumindest im deutschen Sprachbereich ist die Einteilung von LEUNER (1981) gebräuchlich, welcher nach der psychischen Wirkung Halluzinogene I. Ordnung von solchen II. Ordnung unterscheidet. Halluzinogene I. Ordnung führen häufiger zu optischen Phänomenen, während die Halluzinogene II. Ordnung eine stärkere Bewusstseinstrübung bewirken. Zu den Halluzinogenen I. Ordnung gehören u. a. LSD, Meskalin, N,NDimethyltryptamin (DMT), Psilocybin oder auch Delta-9-THC. Zu den Halluzinogenen II. Ordnung werden u. a. Scopolamin, Muscimol oder Stickoxydul (Lachgas) gezählt.

1.2 Psychologische Auslöser
Es lassen sich zwei Arten von psychologischen Auslösern von ABZ unterscheiden:
Die erste große Gruppe ist gekennzeichnet durch eine Verringerung der Umweltstimulation bzw. des Umweltkontaktes. Hierzu wird der Reizentzug (sensorische Deprivation) gezählt, wie er im sogenannten Samadhi-Tank angestrebt wird. Ebenfalls zu dieser Gruppe gehören die sogenannten hypnagogen und hypnopompen Phänomene sowie manche hetero- und autohypnotische Techniken. Die zweite Gruppe von psychologischen Auslösern ist durch die Erhöhung der Umweltstimulation bzw. des Umweltkontaktes, d. h. durch Reizüberflutung charakterisiert. Dabei sind im Wesentlichen zwei Formen zu unterscheiden, nämlich eine intensive rhythmisch-monotone Stimulation verschiedener Sinnesorgane (z. B. beim Voodoo-Kult auf Haiti) und eine Überflutung durch sehr variable Reize, wie sie unter nicht-experimentellen Bedingungen vielleicht am ehesten in gewissen Discotheken anzutreffen sind. Schwer in diese Systematik einzuordnen sind der Schlafentzug, das Fasten oder die Hyperventilation. Häufig werden Kombinationen der genannten Techniken verwendet.

1.3 Hypothese des gemeinsamen Kerns
Schon früh war die Vermutung geäußert worden, dass ABZ, unabhängig davon, wie sie erzeugt werden, im Kern etwas Gemeinsames haben, was sie gleichzeitig vom normalen Wachbewusstsein (NBW) unterscheidet. Diese Hypothese wurde von DITTRICH (1985) experimentell an 29 (resp. 393 inkl. Kontrollgruppe) freiwilligen gesunden Versuchspersonen (Vpn) untersucht.
Zur Erzeugung von ABZ in der Experimentalgruppe dienten je ungefähr zur Hälfte pharmakologische und psychologische Auslöser. Unter den […]

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