Boyle, LSD und Millbrook

XtraRoman über Tim Leary & Co.: Kommentar einer Zeitzeugin

Tim Leary 1982 in Frankfurt/Main. Foto: Wolfgang Bauer

Text: Susanne G. Seiler

Man hat nicht oft die Gelegenheit, einem berühmten Schriftsteller beim Schreiben sozusagen über die Schulter zu sehen, doch bei T.C. Boyles Buch Das Licht (Hanser, 2019) geht es um Themen, mit denen ich vertraut bin, nämlich um Albert Hofmann und Timothy Leary. Ich bin beiden öfters begegnet, war Learys Gast in Los Angeles und habe zwei von seinen Büchern übersetzt (Das Spiel des Lebens und seine Autobiographie Denn sie wußten, was sie tun).

Schriftsteller zu sein, beinhaltet, Fantasie zu haben, viel Fantasie, doch die Fakten müssen stimmen, und da habe ich bei Boyles Roman einige Einwände, was unweigerlich zur Frage führt, ob er es mit seinen anderen Büchern auch so hält?

Das Licht fängt an mit einem Prolog, der Albert Hofmanns Entdeckung des LSD schildert. Dass der Arzt, der Dr. Hofmann während seines berühmten Selbstversuchs am 19. April 1943 untersuchte, kein älterer Mann war, sondern Dr. Werner A. Stoll, Sohn von Professor Arthur Stoll, Hofmanns unmittelbarem Vorgesetzten, ist ein erster Patzer, dass alle im Team von Professor Stoll im Selbstversuch mehrmals LSD nahmen, eine wichtige Tatsache. Dass man sich in den Vierziger Jahren in der Schweiz am Arbeitsplatz nicht beim Vornamen nannte und es Albert Hofmann, ein äußerst korrekter und konservativer Mann, nicht im Traum und auch nicht im LSD-Rausch eingefallen wäre, seine Laborantin Susi zu nennen, muss erwähnt werden. Als ich Mitte der Sechziger Jahre im Hauptsitz der Zürich-Versicherung einem Sommerjob nachging, stand der Chef morgens und abends an der Bürotüre und reichte den Angestellten förmlich die Hand, und man war höchstens mit Gleichaltrigen per Du. Erst die Globalisierung hat die steifen Schweizer Sitten in den Großfirmen aufgeweicht und amerikanischer werden lassen.

Auch Albert Hofmann wurde mit zunehmendem Alter lockerer, wohl auch, weil LSD sich als größer erwies als er, und Widerstand zwecklos war. So durfte er noch erleben, wie aus seinem Sorgenkind im Ansatz wieder das psychiatrische Wunderkind wurde, das es in seinen Anfängen gewesen war, ehe Leary es in Verruf brachte, was zu Verteufelung und Illegalität führte und die erfolgreiche Arbeit Dutzender Psychiater und Psychoanalytiker in aller Welt beendete. Hofmann und Leary kannten sich, und wenn der Forschungschemiker dem „Drogenpapst“ etwas nachtrug, hat er es sich nicht anmerken lassen und in privaten Gesprächen eingeräumt, dass es schließlich doch eine gute Sache gewesen sei, dass LSD den elitären Elfenbeinturm verließ und auf die Straße kam, dadurch vielen Suchern nach Wahrheit zugänglich wurde und zu Weltruhm gelangte.

Lucys Xtra

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