Tausendsassa Schlafmohn! Eine konzise Übersicht

XtraKulturpflanze Papaver somniferum

Papaver somniferum im nordhessischen Germerode. Foto: F. Molenkamp

Text: Felicia Molenkamp

Der Schlafmohn Papaver somniferum Linné ist ein Tausendsassa! Er zählt zu den ältesten Kulturpflanzen der Menschheit und hatte enormen Einfluss auf unser Überleben, unsere Politik, unsere Kultur und, last but not least, auf unsere Medizingeschichte. Schlafmohn ist so viel mehr als ein „verbotenes Gewächs“ und Morphinlieferant, worauf er heute meist reduziert wird.

Ursprünglich stammt der Schlafmohn aus der Mittelmeergegend um Korsika. Die ältesten Pollen- und Samenfunde stammen aus neolithischen Pfahlbausiedlungen am Bodensee. Papaver somniferum ist eine uralte einheimische Pflanze, die von Mitteleuropa aus die Welt eroberte. Schon damals nutzen unsere Ahnen ihre Kulturform. Die Wildform des Schlafmohns ist nicht mehr bekannt. Vermutlich hat die Spezies gemeinsame Ahnen mit dem Borstenmohn Papaver setigerum.

Historie

Zu Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, erkundeten unsere Ahnen die Welt per pedes als Nomaden. Sie folgten Flussläufen sowie wilden Tierherden und ernährten sich zusätzlich von den Delikatessen am Wegesrand. Sie rasteten an besonders geeigneten Stellen und trafen sich dort auch mit befreundeten Clans zwecks Austausch von Waren, Neuigkeiten sowie Körperflüssigkeiten.

Hier streuten sie Samen von besonders wertvollen und nahrhaften Pflanzen aus, um diese im Folgejahr nutzen zu können. Weil bevorzugt die Samen der großen und potenten Pflanzen eingebuddelt wurden, entwickelten sich aus wilden Spezies nach und nach die Kulturarten.

Zu dieser frühen Form der Gartenbaukultur gehörte selbstverständlich auch der Schlafmohn mit seinen hochgeschätzten Inhaltsstoffen, den Opiumalkaloiden. Eine Handvoll nährstoffreicher, eiweißhaltiger Mohnsamen konnte das Überleben am Ende eines langen, kalten, kargen Winters sichern. Die winzigen Früchtchen waren ferner beliebt als leichter, nahrhafter Reiseproviant bei Nomaden und Seeleuten. Archäologische Funde belegen dies seit mindestens 8.000 Jahren. Das sind 2.000 Jahre vor der neolithischen Revolution – also noch bevor wir durch Ackerbau, Pflanzenzucht und Viehdomestikation vom Herden-Menschen zum staatenbildenden Sozialwesen evolutionierten.

Name

Der Gattungsname „Papaver“ stammt aus dem Lateinischen: „papa“ = „Brei“ und „verum“ =„echt“. „Somniferum“ setzt sich zusammen aus „somnium“ = „Schlaf“ und „fer“ = „tragend“. Frei übersetzt heißt die Pflanze schlaffördernder Brei. Unverantwortlich aus heutiger Sicht, war es bis vor 120 Jahren üblich, unruhige Babys und Kleinkinder mit Mohn-Schnullern aus Apotheken oder Lebensmittelläden zu besänftigen. Ebenso galt es während Kriegszeiten als probates Mittel, in Mohnsaft getränkte Windelecken den Kindern zum Nuckeln zu geben, um sie still zu halten.

Eine weitere Interpretation deutet an, dass Papaver auch abgeleitet sein kann von Palaver; denn wie viele geistbewegende Substanzen löst auch der Konsum von Mohnsaft die Zunge.

Mohn“ ist wohl eine Verballhornung der griechischen Stadt Mekone auf der Halbinsel Peloponnes. Sie war in der Antike das Zentrum der Mohnkultur. Der Legende nach soll Demeter hier den Mohn entdeckt haben.

Botanik

Schlafmohn ist einjährig und kann bis zu 1,50 Meter und höher wachsen. Er trägt große weiße bis rosa Blüten mit einem charakteristischen dunklen Fleck am Grund. Diese blühen nur wenige Stunden. Unterirdisch bildet die Pflanze eine enorm große Pfahlwurzel aus, mit der sie Wasser und zahlreiche Mineralien aus den tiefen Erdschichten aufnimmt. Nektar kann sie nicht herstellen. Sie wird trotzdem häufig von Insekten besucht, die gern vom Pollenreichtum naschen.

Mohnfelder bereichern ihre Umgebung mit einem Meer aus Blüten. Foto: Welleschik / CC-BY SA 3.0

Die länglich-ovalen, buchtig gezähnten Blätter führen den ungenießbaren Milchsaft, der hochkonzentriert auch in den unreifen Kapseln fließt und Opium genannt wird, von griech.: opion = Mohnsaft (die getrennte Speicherung von hochaktiven Wirkstoffen ist eine Raffinesse vieler Gewächse zum Eigenschutz; die Substanzen würden sonst die Physiologie der Pflanzen massiv beeinflussen. Zum Beispiel lagert Johanniskraut sein Hypericin in Ölbläschen, Digitalis bindet seine Heilstoffe an Glykoside, Alkaloide werden an Salze gelagert und erst bei Bedarf enzymatisch aktiviert), was auf opos = Pflanzensaft basiert. Darin enthalten sind verschiedene Alkaloide wie Morphin (früher Morphium), Codein, Papaverin, Thebain, α-Narkotin (Noscapin) und mehr. Das sind zumeist Morphin-Derivate (Abkömmlinge), die die Milch auch als Transportmedium nutzen. Zur Ernte des Opiums wird die Hülle der grünen unreifen Kapsel in den Abendstunden mit einem speziellen Messer angeritzt. Die austretende Flüssigkeit wird braun, dickt an und bildet in dieser Form das Rohopium, das morgens abgekratzt werden kann (um ein Gramm Rohopium zu gewinnen, müssen 2 bis 4 unreife Kapseln mehrere Abende angeritzt und abgekratzt werden. Gemittelt ergeben 3.000 Kapseln ein Kilogramm Rohopium. Zur Gewinnung von einem Kilogramm Morphin werden 8 Kilogramm Rohopium benötigt).

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