The Green Rush – Hanf auf der Überholspur

Bildlegende des mod maionsequam qui bla. Foto: Pixabay

Auszug aus dem Heft

Seit Cannabis in vier US-Bundesstaaten der USA (Washington State, Colorado, Alaska und Oregon) sowie in der Bundeshauptstadt Washington D. C. reguliert ist, offenbart sich dort das wirtschaftliche Potenzial der verbotenen Pflanze. Allein Colorado hat seit der Regulierung vor drei Jahren schon über eine Milliarde US-Dollar an Steuern eingenommen. Doch der neue Wirtschaftszweig hatte bereits zu Zeiten, wo in diesen Staaten «nur» medizinisches Cannabis legal war, die Grundlage für den sogenannten «Green Rush»
geschaffen.

In Europa hinkt die gesamte Entwicklung noch ein wenig hinterher, aber mit der Regulierung, dem Anbau und dem Verkauf von Medizinalhanfblüten im größten EU-Land werden die Karten nicht nur in Deutschland neu gemischt. Wer jetzt die Nase vorn hat, wird auch bei einer späteren Regulierung des hedonistischen Konsums mit dabei sein. Auch wenn das noch keiner laut sagt, kann man genau diese Entwicklung in allen oben genannten US-Bundesstaaten beobachten.

Der Bedarf deutscher Cannabis-Patienten beläuft sich derzeit offiziell schon auf mehrere Tonnen pro Jahr; fällt 2017 dann das komplizierte Prozedere der Ausnahmegenehmigung weg, wird die Zahl der Patienten noch einmal exorbitant ansteigen. Doch zu Redaktionsschluss gab es noch nicht einmal die neue Cannabis-Agentur, die den Anbau und den Vertrieb überwachen soll. Da die Importe aus den Niederlanden nicht mehr ausreichen, hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) im Juli 2016 beschlossen, Cannabisblüten aus dem medizinischen Programm Kanadas von einer deutschen Firma importieren zu lassen. Der Anbau in Deutschland beginnt frühestens 2017.

Konkurrenz belebt den Markt
Mittlerweile gibt es in Kanada 28 Firmen, die medizinisches Cannabis produzieren. Ihre Lager sind gut gefüllt, und der deutsche Markt mit seinen festgelegten Apothekenpreisen verspricht, lukrativ zu werden. Parallel dazu lagen dem BfArM im August schon zahlreiche Anträge von potenziellen Anbau-Firmen vor, unter denen das deutsch österreichische Unternehmen Bionorica bislang klarer Favorit ist. Bionorica hatte vor einigen Jahren THCPharm aufgekauft und produziert heute schon die Rezeptursubstanz Dronabinol aus Cannabis, das in Wien angebaut wird. Nebst dem Antrag von Bionorica lagen dem BfArM Mitte 2015 bereits über 50 Anträge zur Produktion von medizinischem Cannabis vor.

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Wie sich die Produzenten aus Übersee mit Erfahrung und infrastrukturellen Vorteilen, hiesige Pharmafirmen wie Bionorica oder die bereits existente Hanfbranche den Kuchen schlussendlich aufteilen werden, hängt von der Entwicklung in den kommenden Monaten ab. Die Gretchenfrage hierbei wird lauten, wie transparent und fair die
Anbau-Lizenzen von der Cannabis-Agentur werden. Die Messlatte für den medizinischen Anbau liegt ohnehin sehr hoch, und die Kriterien werden ähnlich streng sein wie die in den Niederlanden (siehe Box). So muss man vor dem Anbau erst einmal ein Wirtschaftlichkeitskonzept für einen Gartenbaubetrieb erstellen, das zudem betäubungsmittelrechtlichen Bestimmungen genügen muss. Wer ganz genau wissen wollte, wie so eine Bewerbung
zum Cannabisanbau aussehen muss, konnte bis Mitte 2015 eine kostenpflichtige Beratung beim BfArM buchen. Klar ist: Wer nicht mindestens eine sechsstellige Summe in den Aufbau einer Reinraum-Produktion und das benötigte Fachpersonal stecken kann, hat keine Chance, in Deutschland zukünftig medizinisches Cannabis zu produzieren. Andersherum gilt aber auch: Wer jetzt den Einstieg schafft, ist auch bei einer zukünftigen Regulierung von Cannabis für alle ganz vorne mit dabei.

Die Entwicklung in den USA und Kanada hat zudem gezeigt, dass schon ein medizinischer Cannabismarkt viele Mit-Gewinner hat. Selbst wenn Gras an sich illegal bleibt, schwinden Berührungsängste, und somit profitiert und wächst der Rest der teilweise illegalen Branche.

Samenbanken und Samenhändler Bislang ist nicht einmal klar, welche Sorten für den medizinischen Anbau in Deutschland in Betracht kommen. Sicher scheint allerdings, dass es auch für das Saatgut Zulassungskriterien geben wird. Die Niederlande zertifizieren grundsätzlich keine Samen, die als «Drogensamen» angeboten werden.
Deshalb haben die medizinischen Sorten von Bedrocan auch in der Apotheke andere Namen als bei den Samenhändlern, die genau die selben Sorten anbieten. Doch auch ohne medizinische Zulassung
sind Hanfsamen bereits jetzt ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor. Denn in den meisten europäischen Ländern mit Ausnahme der Schweiz und Deutschland sind sie legal. Je nach Gesetzeslage dürfen sie jedoch nicht eingepflanzt, geerntet oder zur Blüte gebracht werden. Die Bestimmungen sind vielfältig, haben jedoch eins
gemeinsam: Sobald man Blüten anbaut, wird aus einem legalen Samen eine illegale Pflanze. Trotzdem ist die Zahl von Samenhändlern und -banken explosionsartig angestiegen; mittlerweile ist es schwer, den Überblick zu wahren. Gerade hier verhindert die Illegalität des Endprodukts eine ausreichende Kontrolle über das Ausgangsprodukt.

Breeder Als Sorten-Designer sind sie sozusagen das Bindeglied zwischen illegalen Hanfbauern und
dem legalen Samenhandel. Ohne blühende Hanfpflanzen kann man keine neuen Sorten entwickeln.

Kriterien zum Anbau von medizinischem Cannabis in den Niederlanden
• Lage an einem geheimen Ort, nicht von außen erkennbar
• Be- und Entlüftungssytem sowie Filtersystem im ganzen Gebäude
• Ausreichender Schutz vor Vögeln, Insekten, Nage- und Haustieren mithilfe von Ködern, Fallen und elektrischen
Insektenvernichtern
• Spezielles Alarmsystem in Toiletten und Pausenräumen
• Spezielle, sterile Arbeitskleidung für das Personal, speziell dafür vorgesehener Umkleideraum
• Keine Handys, Taschen und andere persönliche Gegenstände am Arbeitsplatz
• Überwachung des gesamten Gebäudes mit offen und versteckt angebrachten Kameras unter Berücksichtigung der Privatsphäre von Mitarbeitern
• Obligatorische Registrierung von Lieferanten, Besuchern und anderen nicht betriebszugehörigen Personen
• Lückenlose Dokumentation des Anbaus vom ersten Samen bis zum Endprodukt sowie der Abfallentsorgung
• Aufbewahrung der Ergebnisse über mindestens zehn Jahre und sofortige Präsentation auf Verlangen

Michael Knodt