Was ist Bewusstsein?

XtraKein Versuch, das Unerklärliche zu erklären

Text: Markus Berger

Die im Sinne der Aussagbarkeit als ‚bewußt‘ klassifizierten Aspekte menschlichen Verhaltens werden häufig in Typen von ‚Bewußtseinszuständen‘ unterteilt. Dies sind vorgeformte, unter bestimmten Bedingungen auftretende Reaktionsmuster mit fließenden Übergängen.“
Adolf Dittrich: Veränderte Wachbewußtseinszustände, Seite 1

 

Über kaum ein Phänomen der menschlichen Existenz ist so viel nachgesonnen, geforscht, geschrieben und vor allem gestritten worden wie über das Bewusstsein. Das Bewusstsein ist als solches nicht greifbar, nicht messbar, nicht nachweisbar – und insbesondere der Ursprung des Bewusstseins bleibt ein Rätsel. Wo kommt unsere Fähigkeit zur individuellen Wahrnehmung, zur psychologischen Konstruktion eines „Selbsts“ sowie zur sogenannten Selbstreflexion eigentlich her? Wieso können wir uns des Bewusstseins bewusst sein und daraus folgern, dass wir – irgendwie – bewusst sind?

Diese Frage ist bislang von niemandem zufriedenstellend beantwortet worden.

Was ist das eigentlich, dieses Bewusstsein? Unser Vermögen, wahrzunehmen, Gefäß für äußerliche Reize zu sein, nachzudenken und zu fühlen? Unsere Fähigkeit, Bewertungen aufzustellen, Meinungen zu bilden, Vorlieben und Abneigungen zu entwickeln und Schlüsse zu ziehen? Ist das unser Bewusstsein? Oder sind das bloß Prozesse, die sich auf der Grundlage des Bewusstseins zu manifestieren in der Lage sind? Und wie kommen zum Beispiel unsere Träume, unsere veränderten Bewusstseinszustände (beispielsweise hervorgerufen durch Drogen, Körperarbeit, Deprivation, Krankheit etc.) und unsere ekstatischen Erfahrungen beim Sex, während mystischer Visionen oder in lebensbedrohlichen Situationen zustande? Das alles sind schließlich Erfahrungsinhalte, die erst durch die Anwesenheit von Bewusstsein möglich sind und erfahrbar werden. Nur durch das Bewusstsein werden wir zu dem, was wir sind: ein Produkt des Allganzen, ein Teil des Universums, der in der Lage ist, sich selbst zu reflektieren. Ein erhabener wie aufregender Gedanke. Und trotzdem liefert auch dieser kleine Ritt durch phänomenologische Teilgebiete des Bewusstseins immer noch keine befriedigende Antwort auf die Frage: Was ist das Bewusstsein?

Hier stecken wir in einem Dilemma, das bereits seit langer Zeit von Philosophen, Psychologen, Neurologen und anderen Wissenschaftlern diskutiert wird. Dabei stehen Forscher, die sich dem Gebiet der Erforschung des Bewusstseins widmen, vor einem signifikanten Problem, nämlich dem, dass wir eben nur mithilfe unseres Bewusstseins über Selbes nachsinnen können: „Da das Bewußtsein selbst die Bedingung aller inneren Erfahrung ist, so kann aus dieser nicht unmittelbar das Wesen des Bewußtseins erkannt werden. Alle Versuche dieser Art führen entweder zu tautologischen Umschreibungen oder zur Bestimmung der im Bewußtsein wahrgenommenen Thätigkeiten, welche eben deshalb nicht das Bewußtsein sind, sondern dasselbe voraussetzen. Das Bewußtsein besteht darin, daß wir überhaupt Zustände und Vorgänge in uns finden, und dasselbe ist kein von diesen innern Vorgängen zu trennender Zustand“ (Wundt 1880: 195).

Bis heute hat die Wissenschaft keine sinnbringende oder zufriedenstellende Antwort auf die Frage der Definition des Bewusstseins finden können. Forscher, die dieses Defizit zu umschiffen versuchen, verlieren sich aus Mangel an Erklärungsmodellen, Analogien und Metaphern gerne in Schwurbeleien, das kann dann zum Beispiel so klingen wie im Buch „Bewusstsein“ von Psychologin Susan Blackmore: „Was ist das Bewusstsein? So einfach diese Frage klingen mag, so schwierig ist sie zu beantworten. Es liegt auf der Hand, dass sich die Wissenschaft mit dem Bewusstsein beschäftigt, aber sie könnte sich kaum einer größeren Herausforderung stellen. Beispielsweise müssen wir unser Bewusstsein verwenden, um uns selbst zu erforschen, was eine sehr widersprüchliche Vorstellung ist. Alternativ müssten wir uns irgendwie vom Bewusstsein lösen, um es objektiv untersuchen zu können, und das scheint schlechterdings unmöglich“ (Blackmore 2014: 7).

 

Grundlegende Zustände des Bewusstseins

Alltagsbewusstsein: „normaler“ Wachzustand
Traumbewusstsein: traumreicher Schlaf, Tagträume, drogeninduziert
Unbewusstsein, Tiefschlaf: traumloser Schlaf, Narkose
Holotropes, mystisches Bewusstsein: Meditation, Körperarbeit, drogeninduziert, Krankheit, Sterbeprozess
Psychotisches Bewusstsein: diverse psychopathologische Zustände, Paranoia etc.

 

Der US-amerikanische Bewusstseinsforscher Charles T. Tart hat in seinem Buch „States of Consciousness“ zu den basalen Fragen des Phänomens des Bewusstseins bzw. des alltäglichen Bewusstseinszustands erläutert: „Unser gewöhnlicher Bewusstseinszustand ist nichts Natürliches oder Gegebenes, sondern eine hochkomplexe Konstruktion, ein spezielles Werkzeug, um mit unserer Umwelt und den Menschen umgehen zu können (…). Wenn wir das Bewusstsein genau analysieren, sehen wir, dass es sich aus vielen Teilen zusammensetzt. Doch diese Teile funktionieren in Form eines Musters: Sie bilden ein System. Während die einzelnen Komponenten des Bewusstseins isoliert untersucht werden können, existieren sie als Teile eines komplexen Systems, eben des Bewusstseins, und können nur dann vollständig verstanden werden, wenn wir diese Funktion im Gesamtsystem sehen. Ebenso erfordert das Verständnis der Komplexität des Bewusstseins, dass man es als System betrachtet und die einzelnen Teile versteht. Aus diesem Grund beziehe ich mich auf meinen Zugang zu Bewusstseinszuständen als Systemansatz. Um das konstruierte System zu verstehen, das wir einen Bewusstseinszustand nennen, beginnen wir mit einigen theoretischen Postulaten, die auf menschlicher Erfahrung basieren. Das erste Postulat ist die Existenz eines Grundbewusstseins. Da eine gewisse willentliche Kontrolle (…) des Gewahrseins möglich ist, bezeichnen wir es im Allgemeinen als Aufmerksamkeit/Bewusstsein. Wir müssen auch die Existenz von Selbstbewusstsein erkennen, das Bewusstsein darüber, dass wir bewusst sind“ (Tart 1975: 3f.).

Konventionelle Wissenschaftler konstatieren, dass das Bewusstsein ein Produkt des Gehirns und damit der neurophysiologischen und neurochemischen Vorgänge innerhalb unseres Körpers sei. Ganzheitlich orientierte Bewusstseinsforscher aus aller Welt negieren dies allerdings, weil es zu viele experimentelle Nachweise bzw. Hinweise darauf gibt, dass Bewusstsein auch ohne messbare Gehirnaktivität erhalten bleiben kann, zum Beispiel im Rahmen von Nahtoderfahrungen (NTE). Der Psychedelik- und Bewusstseinsforscher Stanislav Grof beispielsweise hat in seinen Schriften die Analogie zum Fernseher etabliert. Zu glauben, dass das Programm des TV-Geräts vom Fernseher selbst generiert werde, zeugt von einer gewissen Naivität. Die Hardware stellt lediglich die Technologie zur Verfügung, das Programm zu empfangen und wiederzugeben. Wer den Fernseher aufschraubt, um im Innenleben des Geräts nach dem Programm zu suchen, wird sich rasch damit abfinden müssen, dass einem solchen Unterfangen keine Aussicht auf Erfolg beschieden ist. Das Fernsehgerät ist Empfangsstation für eingehende Daten, die dann in ein Fernsehbild und Ton umgewandelt und ausgegeben werden. Stan Grof dazu: „Eine einfache Analogie ist die Beziehung zwischen einem Fernsehgerät und dem Fernsehprogramm. (…) Der Empfang des Programms – Bild- und Tonqualität – hängt stark vom reibungslosen Funktionieren des Fernsehgeräts und seiner Bestandteile ab. Störungen verursachen eindeutige und spezifische Veränderungen der Programmqualität. Manche führen zu Verzerrungen der Form, der Farbe oder des Tons, andere zu Interferenzen zwischen den Kanälen und so weiter. Wie der Neurologe, der Veränderungen des Bewusstseins als Merkmale für die Diagnose benutzt, kann ein Fernsehmechaniker von der Art der Anomalien darauf schließen, welche Funktionen und welche Komponenten defekt sind. Wenn das Problem erkannt ist, können die Verzerrungen korrigiert werden, indem diese Elemente repariert oder ersetzt werden. Da wir die Grundprinzipien der Fernsehtechnologie kennen, wissen wir, dass das Gerät nur das Programm überträgt, aber nicht seine Quelle ist. Wir wären amüsiert, wenn jemand versuchen würde, alle Transistoren, Relais und Schaltkreise des Fernsehers zu untersuchen, um herauszufinden, wie sie die Programme erzeugen. Selbst wenn wir diese fehlgeleiteten Bemühungen auf eine molekulare, atomare oder subatomare Ebene lenken, würden wir trotzdem nicht erfahren, warum zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Micky-Maus-Trickfilm, eine Star-Trek-Folge oder ein klassischer Hollywood-Streifen auf dem Bildschirm erscheinen“ (Grof 2019: 118).

Lucys Xtra

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