Das Wesen der roten Amanita

XtraAnmerkungen zum Fliegenpilz

Text: Ralph Cosack

Einführung

In unseren Wäldern lebt ein Wesen, größer als der Elefant und wohl zwölftausendmal so alt wie das Menschengeschlecht; still, starr und unsichtbar verbirgt es sich unter Erde, Moos und Wurzelwerk: der Pilz. Sein Anteil am Werden und Vergehen ist für das Leben so unverzichtbar wie das Licht der Sonne für seine grünen Vettern. Zeugnis dieser Existenz sind uns seine Früchte, deren Mannigfaltigkeit in Farbe und Gestalt, Geruch, Geschmack und Wirkung uns Menschen von jeher gleichermaßen fasziniert und abgestoßen hat.

Von diesen fertilen Zeichen verborgenen Lebens sticht eines besonders hervor, ragt gleichsam vom Boden des Waldes bis in das menschliche Bewusstsein hinan: der Fliegenpilz. Seine Größe und Gestalt, seine Farben und besonders seine Wirkung haben ihn zum Mythos gemacht. Er berauscht uns: seine Erscheinung unser Auge, sein glücklicher Symbolismus unsere Seele und seine Substanz unseren Geist.

Diese Berauschung ist als Begleiter des Menschen so alt wie unsere Zivilisation. In nahezu jeder Kultur jeder Zeit lassen sich berauschende Mittel und Gebräuche finden, Förderer der Evolution derselben. So wie Sprache, Tanz und Spiel, Kunst, Architektur und Musik gehört zu jeder Kultur eine Droge, die ihr eigen und mit der mystischen und spirituellen Erfahrung eines Volkes auf das engste verknüpft ist.

Nie zuvor jedoch hat es eine Zeit gegeben, in der das „Sich-Berauschen“ so abgelöst von sinnlicher Erfahrung und spiritueller Erkenntnis vollzogen wurde wie in der unsrigen. Von der „Erweiterung des Bewusstseins“ sind wir heruntergekommen zur „Veränderung des Bewusstseins“. Von der mit allen Sinnen erfahrbaren Kulturdroge zu der die Sinne beschränkenden Konsumdroge, von der Erfahrung einer weiteren, anderen Wirklichkeit zur Einschränkung der Realität, vom göttlichen Geschenk zur teuflischen Versuchung, vom Biologischen zum Chemischen, vom Wunsch nach mystischer Welterfahrung zum Verlangen nach steter Verfügbarkeit. Von der im Synergismus Droge – Mensch sich entwickelnden Individualerfahrung zum kollektiv-uniformen Rausch.

Über die Pilze

Pilze sind chlorophyllfreie, kohlenstoffheterotrophe Pflanzen mit echten Zellkernen. Das heißt, ihr Stoffwechsel kommt zwar ohne Sonnenlicht aus, sie müssen aber komplexe organische Verbindungen mit der Nahrung aufnehmen. Die Intensität ihres Wachstums hängt nur von der Nährstoffkonzentration ab. Kohlenstoff und Stickstoff sind in den meisten Fällen die begrenzenden Faktoren. Sie können sich sowohl geschlechtlich als auch ungeschlechtlich vermehren. Ihr fädiger oder wenig differenzierter Pflanzenkörper (Thallus), das Myzelium, kann sich über mehrere Kubikmeter erstrecken, viele Jahrzehnte alt werden und im Verlauf seines Pilzlebens Zellwände aus Zellulose, Chitin oder beidem ausbilden.

Pilze sind ubiquitär verbreitet. Jeder Erdkrumen, jeder Kubikmeter Luft, jede Tonne Wasser in Seen, Flüssen und Ozeanen enthält Tausende von Pilzsporen; auf den höchsten Bergen ebenso wie in den tiefsten Meeren. Sie sind also geniale Anpassungsspezialisten. Was aber für die Pilze im Allgemeinen gilt, trifft für die einzelne Art so gar nicht zu. Die hohe Spezialisierung vieler Pilze macht sie leicht verletzlich; scheinbar geringe Eingriffe in ihre Lebensräume können zum Aussterben ganzer Arten führen (vgl. Cosack, Das rot-weiße Land, 1998).

Der Beitrag der Pilze zum Haushalt der Natur ist immens. Als Destruenten (Zerstörer) bauen sie lebende oder tote organische Materie ab, führen sie mineralisiert wieder dem Stoffkreislauf zu und tragen so entscheidend zur Bodenbildung und -fruchtbarkeit bei. Zu biotropher, symbiotropher, nekrotropher und saprotropher Ernährung befähigt, haben sie Nischen erobert, deren Ausfüllung auch für unser Leben unverzichtbar geworden ist. Einige haben sich sogar so weit entwickelt, dass sie als Räuber (Prädatoren) lebende Kleintiere (z. B. Nematoden) mittels Reusen oder Schlingen ihres Myzels einfangen können.

Für uns Menschen haben die Pilze in vielfältiger Art Bedeutung erlangt: als Bodenbildner, potente Helfer bei Recycling- und Entsorgungsprozessen und Gärungsspezialisten (Wein, Bier, Kefir, Käse, Brot u. v. a. m. sind in ihrer Form als Genussmittel Pilzprodukte!). Als Nahrungsmittel werden pro Jahr ca. 1,2 Mio. Tonnen Zuchtpilze produziert. Pilze retten als Antibiotikaproduzenten Menschenleben (Penicillin!). In einer ihrer ältesten Verwendungen, als Rauschdrogen, haben sie auf die Entstehung der Kulturen, Religionen und Künste seit Jahrtausenden Einfluss genommen und tun es heute noch. Früheste Pilzdarstellungen finden sich bereits im Neolithikum (vgl. Rätsch, Enzyklopädie, 1998).

Von den nahezu 400000 bisher beschriebenen Pflanzenarten werden 120000 dem Reich der Pilze zugeordnet. Jährlich werden etwa 1000 neue Arten beschrieben. Die moderne Biologie geht davon aus, dass es mindestens ebenso viele Pilze wie Blütenpflanzen gibt. Was ihre Stammesgeschichte (Phylogenie) angeht, liegt vieles noch im Dunkel. Durch ihre leichte Vergänglichkeit mangelt es an aussagekräftigen fossilen Zeugen. Die ersten bekannten Lebensspuren auf der Erde (die vor 3,8 Mrd. Jahren im sogenannten Katarchaikum lebende Isuasphaera isua) werden als hefeähnliche Pilze gedeutet. Etwas besser steht es schon mit der Zuordnung einiger etwa 600 Millionen Jahre alter Pilzreste, die auf Molluskenschalen entdeckt wurden. Auf der sicheren Seite stehen die Wissenschaftler aber erst mit Paleomyces asteroxyli, einem Pilz, der vor etwa 380 Millionen Jahren im Wurzelstock (Rhizom) einer Landpflanze gelebt hat. Das sichere Auftreten echter Pilze fällt also zeitlich mit der Besiedelung des Festlandes zusammen.

Pilze (Fungi) gehören, wie auch Pflanzen, Tiere und natürlich wir Menschen, zu den Eukaryonten, da sie einen Zellkern mit Chromosomen besitzen. Ihr mächtiges Reich gliedert sich in die Unterreiche der niederen (Ascomycetes oder Schlauchpilze) und der höheren Pilze (Basidiomycetes oder Ständerpilze). Die obige Grafik veranschaulicht die Verwandtschaftsverhältnisse.

Lucys Xtra

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