Rausch im Labor, Psychedelika aus dem Arzneischrank

XtraZur Zukunft psychedelischer Medizin

© Benner.

Text Christoph Benner*

Depression ist eine Erkrankung, die für Patienten und Angehörige unermessliches seelisches Leid verursacht und bei Nichtbehandlung zum Tod durch Suizid führen kann. Zudem belastet sie die europäischen Sozialwerke durch Arbeitsausfälle der Betroffenen in dreistelliger Milliardenhöhe1. Der Staat ist demnach daran interessiert, die Entwicklung einer wirkungsvollen Therapie gegen Depression durch Forschungsmittel zu unterstützen. Leider hat er sich und seinem Souverän, der Bevölkerung, mit der derzeitigen Gesetzgebung und der Ökonomisierung des Gesundheitssystems eine pharmazeutische Grube gegraben, die nur durch einen grundlegenden Kurswechsel umgangen werden kann. Für einen solchen Kurswechsel müssen folgende drei Eigenschaften in Politik und Forschung mehr an Bedeutung gewinnen:

Unvoreingenommenheit
Oder: Die Wissenschaft von der Wissenschaft
Lange Zeit hat sich die Depressionsforschung – im Rahmen der sogenannten Monoamin-Hypothese – auf die Modulation des Neurotransmitters Serotonin fokussiert². Ohne Zweifel wurden so herausragende Erkenntnisse über grundlegende physiologische Prozesse im Gehirn gewonnen. Es ist auch unbestritten, dass zur Behandlung einer schweren Depression teilweise selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) eingesetzt werden müssen. Allerdings gleicht diese Behandlung mehr einer Art Topfschlagen auf Porzellan als einer sicheren Heilmethode. Man erschlägt mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die Symptome; Nebenwirkungen wie Schlafstörungen, Gewichtszunahme, Libidoverlust oder emotionale Gleichgültigkeit treten dabei allerdings unverhältnismäßig oft auf³. Hinzu kommt, dass bis zu 30 Prozent der Patienten nicht auf SSRI ansprechen4, sie werden deshalb in den Statistiken als sogenannte Non-Responder geführt. In den letzten 30 Jahren kam keine grundlegend neue Wirksubstanz gegen Depression auf den Markt5. Die bestehenden Medikamente wurden lediglich ein wenig in ihrer chemischen Struktur verändert und von der Pharmaindustrie gewinnbringend als Neuheiten vermarktet. Das in der BRD am häufigsten verschriebene Antidepressivum, Citalopram, wurde bereits im Jahr 1980 zugelassen6.

Der Philosoph Thomas Kuhn veröffentlichte Anfang der 1960er ein Buch über wissenschaftliche Revolutionen7, das sich seiner detaillierten Analyse wegen noch heute großer Beliebtheit erfreut. Gemäß Kuhns Theorie vollzieht sich immer dann ein Paradigmenwechsel in der Forschungspraxis, wenn sich die Beweislast einer bestehenden Hypothese zugunsten einer anderen erweicht. Bezogen auf die Depressionsforschung heißt das: Die Einflussnahme auf den Serotoninhaushalt mit SSRI hat sich bei Depressiven als oftmals notwendig herausgestellt, ist allerdings nur bedingt wirksam. Die aktuelle Beweislage deutet immer mehr darauf hin, dass Glutamat, ein anderer Neurotransmitter, in der Ätiologie von neuropsychiatrischen Erkrankungen signifikant beteiligt ist8.

Tatsächlich gibt es zur Zeit einige Forschungslabore, die sich mit der Anwendung des Anästhetikums und Dissoziativums Ketamin befassen, das pharmakologisch als Antagonist auf einen Glutamat-Rezeptor einwirkt9. Das Wirkprofil von Ketamin ist in zweierlei Hinsicht dem der SSRI überlegen: Patienten zeigen bereits nach wenigen Stunden eine verbesserte Symptomatik (im Vergleich zu mehreren Wochen bei herkömmlichen SSRI), und auch Non-Responder sprechen auf diese Behandlung an. Auch die Forschung mit dem Indolalkaloid Psilocybin (bzw. Psilocin) ergab Hinweise darauf, wie eine Depression mit neuartigen Therapieansätzen behandelt werden könnte10.

Lucys Xtra

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