Wenn sich Probleme vom Selbst lösen

XtraKetamin gegen Depression

Ketamin HCl. Foto: Alamy

Das menschliche Bewusstsein ist eine spezielle Form der Wahrnehmung, der Sensibilität für innere Reize und des Verstehens der uns umgebenden Welt. Unser Alltagsbewusstsein lässt mehr Dinge aus, als es mit einbezieht, und ist damit per se schon höchst eingeschränkt. Noch wesentlicher eingeschränkt ist die Selbstwahrnehmung depressiver Menschen, die in einer destruktiven Gedankenspirale stecken, aus der sie nur schwer wieder herauskommen. Wenn es darum geht, depressive Patienten zu behandeln, steckt die Psychiatrie in einer mittelschweren Krise. «Personalisierte Medizin» lautet das Schlagwort der Forscher und Ärzte, die allerdings trotz aller Bemühungen noch weitgehend im Trüben fischen. Eine Substanz allerdings zeigt einen paradoxen Lösungsansatz auf, den es zu untersuchen gilt: Ketamin – personalisierte Medizin durch Depersonalisation?

Vom Knast in die Klinik
1964 nahmen Insassen des Jackson-Gefängnisses im US-Staat Michigan unfreiwillig an einer Studie teil, bei der die Wirkungen eines ihnen unbekannten Mittels erkundet werden sollten. Der Versuchsleiter Edward Domino war der erste Wissenschaftler, der die facettenreichen Qualitäten dieser Substanz beschrieb. Zwei Jahre zuvor hatte sie im Pharmaunternehmen Parke-Davis das Licht der Welt erblickt. Ihr Schöpfer, Calvin Stevens, suchte nach einem neuen Abkömmling aus der Stoffgruppe der Phenylcyclohexylamine, mit dem er ein weit verbreitetes Problem der damaligen Anästhesie zu lösen versuchte. Viele Patienten, die mit dem damals gebräuchlichen Mittel Phencyclidin («Angel Dust») sanft in das Reich des Unbewussten befördert wurden, wachten weniger sanft mit psychotischen Symptomen auf und stellten eine unangenehme Belastung für das Pflegepersonal dar.
Stevens synthetisierte das Molekül CI-581, später in Ketamin umbenannt und als Ketalar patentiert. Für Patienten bestand damit zwar immer noch ein gewisses Risiko, eine solche «postanästhetische Agitiertheit» zu erleiden, doch Ketamin wirkte wesentlich unproblematischer als sein Vorgänger auf Vitalfunktionen wie Puls und Atemfrequenz und wurde deswegen gerne als sicheres Anästhetikum in die materia medica aufgenommen. Bei der Untersuchung seiner Probanden stellte Domino neben der betäubenden auch eine analgetische und antidepressive Wirkung mit schizophrenieähnlichen Symptonen fest. Da viele Insassen ein Gefühl des Aus-sich-Heraustretens beschrieben, prägte Dominos Frau den Begriff «dissoziatives Anästhetikum » für Ketamin; als solches wurde es 1970 von der FDA zugelassen.

Sein oder Nichtsein: Die Dosis ist die Frage
Sowohl die dissoziative als auch die anästhetische Wirkung fand schnell großen Anklang außerhalb der Klinik. GIs nutzten Ketamin als «buddy drug» in Vietnam zum Ausschalten von Schmerzen, während Psychonauten erstmals in San Francisco und Los Angeles «Special K» im Privaten nutzten, um direkte Einsichten in die Natur des Selbst zu bekommen oder in traumartigen Zuständen «Urlaub auf Keta» zu machen.

Ketamin, Glutamat und das Ruhenetzwerk im Gehirn
Im Gehirn eines depressiven Patienten geht es wesentlich härter zu als im Gehirn eines Gesunden. Besonders das Ruhenetzwerk (so genannt aufgrund seiner hohen Aktivität bei kontemplativen, tagträumerischen, nach innen gerichteten Tätigkeiten) ist bei depressiven Patienten höchst dominant und in seiner funktionellen Vernetzung mit anderen Hirnbereichen äußerst eingeschränkt¹. Die Folgen sind exzessives negatives Nachdenken über die eigene Persönlichkeit, Schuldgefühle und eine schwer zu durchbrechende Gedankenspirale, die den Patienten immer weiter nach unten zieht. Ketamin wirkt auf diese Blockade wie neuronaler Sprengstoff. Pharmakodynamisch vermittelt es zwischen einzelnen Nervenzellen über eine blockierende (antagonistische) Wirkung des N-Methyl-D-Aspartat-(NMDA)-Rezeptors. Dieser Rezeptor reguliert den zellulären Ein-und Ausstrom des erregenden Neurotransmitters Glutamat. Im weiteren Verlauf kommt es, vielleicht als bioenergetische Folge der angeregten Nervenzellen, zu einem größeren Austausch des Ruhenetzwerks mit anderen Hirnarealen und gleichzeitig zu einer verminderten Dominanz. Das Ruhenetzwerk wird entkoppelt; das korreliert mit der subjektiven Erfahrung der Körper-Geist-Dissoziation, der Ego-Auflösung².

Lucys Xtra

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