Zum 10. Todestag von Günter Amendt

Leben und Werk des profilierten Drogenexperten

Günter Amendt

«In einer Welt, in der Drogen für alle Lebenslagen längst zum Selbstverständnis geworden sind, fragt man sich verwundert, wie es möglich war, daß ausgerechnet Cannabis, die harmloseste aller psychoaktiven Substanzen, derart dämonisiert wurde.»
Aus: Amendt (2003): No Drugs – No Future.

Günter Amendt wurde 1939 in Franfurt am Main geboren. Sein Vater, der als Soldat im Krieg diente, verstarb bereits im Jahr 1942, so dass Günter wie viele Kinder seiner Generation als Halbwaise aufwuchs.

Amendt gehörte zu einer Reihe von Kindern, die nach Kriegsende in einem der «Kinderzüge» zur Erholung in die Schweiz gebracht wurden. Dort lebte er für drei Monate bei einer Gastfamilie in Zürich, wo er auch die Schule besuchte.

Er erinnert sich in einer SRF-Sendung aus dem Jahr 1995:

«Ich bin damals freundlich aufgenommen worden. Ich denke sehr gerne auch heute noch zurück an meine Schweizer Patenmutter und habe die Gefühle, die ich für diese Frau entwickelt habe, einfach auf dieses Land übertragen.»

Nach dem Realschulabschluss und einer Ausbildung zum Mineralölkaufmann, machte er sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg und studierte danach in Berkeley, Frankfurt und Gießen die Fächer Soziologie, Psychologie und Germanistik. Während des Studiums betätigte er sich im SDS und war dort zeitweise Vorstandssprecher. 1973 promovierte er in Gießen mit einer Untersuchung zum «Sexualverhalten von Jugendlichen in der Drogensubkultur».

Zu Beginn seiner Laufbahn betätigte er sich vornehmlich in der Sexualforschung. Aus dieser Zeit stammen seine landläufig bekanntesten Bücher «Sexfront» (1970) und «Das Sex-Buch» (1979). Beide Bücher erregten großes Aufsehen in den prüden Nachkriegsjahren der Bundesprepublik, während sie heute als Klassiker der Aufklärungsliteratur gelten.

1978 bekam Amendt vom Veranstalter Fritz Rau die Einladung, Bob Dylan auf dessen Europatournee zu begleiten. Seine Aufgabe bestand darin, Dylan und seinen Mitmusikern einen Einblick in die deutsche Kultur zu geben. In der Arte-Produktion «Knockin‘ on Dylan’s Door – Begegnungen mit Bob Dylan» (2001) spricht Amendt über die Eindrücke dieser Tour.

Gemeinsam mit Ulli Stiehler veröffentlichte er im Jahr 1972 das seitdem mehrfach aktualisierte Buch «Sucht. Profit. Sucht», das sich mit der politischen Ökonomie des Drogenhandels befasst.

Seine (nahezu) ausschließliche Verlagerung auf Themen der Drogenpolitik erfolgte jedoch erst in den 1990er Jahren. Zu dieser Zeit entstanden sowohl «Die Droge, der Staat, der Tod. Auf dem Weg in die Drogengesellschaft» (1992) als auch auch «XTC. Ecstasy und Co. Alles über Partydrogen» (1997).

Günter Amendt war bekannt für seine entschiedene Ablehnung der bundesdeutschen Drogenpolitik und ihres heuchlerischen Gebahrens. So war er erklärter Gegner der Kampagne «Keine Macht den Drogen» – in einem entsprechenden Artikel in der Zeit («Kicks, Koks, Kohl», 1998) legte er dar, wie Bundeskanzler Helmut Kohl, der Schirmherr dieser Kampagne, auf der einen Seite gegen «Drogen» wetterte, auf der anderen jedoch Tabakwerbeverbote nicht nur großzügig aussetzte, sondern auch die britische Regierung unter Druck setzte, selbiges zu tun.

Anzeige

Im Jahr 2000 ging Amendt gemeinsam mit Martin Semmelrogge und Smudo auf eine deutschlandweite Lesetour von Hunter Thompsons Drogen-Klassiker «Fear and Loathing in Las Vegas». 2002 wurde eine Session aufgenommen und bei «Kein & Aber Records» publiziert.

Im Deutschlandfunk veröffentlichte er zahlreiche Hörfeatures, darunter die «Lange Nacht zum Sechzigsten von Bob Dylan» (2001) sowie «Die Lange Nacht vom LSD» (2008).

Mit «No Drugs No Future. Drogen im Zeitalter der Globalisierung.» legte Amendt 2003 ein Buch vor, dass in keiner Bibliothek mit drogenpolitischem Schwerpunkt fehlen darf. Selbst nach fast 20 Jahren hat das Werk kaum an Relevanz und Aktualität eingebüßt – seien es Doping, die Selbstoptimierung durch psychoaktive Substanzen (Stichwort: Microdosing) oder die fortwährende Legalisierungsdebatte: Zu vielen aktuellen Themen bietet das Buch noch heute gültige Positionen.

Dass er nicht nur ein Mann der Theorie, sondern auch ein Mensch mit praktischen Drogenerfahrungen war, daraus machte Amendt zeitlebens keinen Hehl. In seinen gewohnt differenzierten Worten beschrieb er in seinem Essay «Are You Experienced?»:

«Und was hat LSD mir gegeben? Darauf weiß ich keine klare und eindeutige Antwort. Denn ich kann meine Erfahrungen mit LSD nicht trennen von den Erfahrungen mit anderen Drogen — mit Cannabis und mit psychoaktiven Pilzen. Aus all diesen Erfahrungen habe ich gelernt. Sie haben meine Anschauung der Welt verändert. Aber ich bin unfähig, diesen Lernprozess bestimmten Substanzen zuzuordnen. Von einer Ausnahme abgesehen: Mit einem LSD-Trip, den ich, eingetaucht in die Klangwelt von Jimi Hendrix, an einem heißen Sommertag Ende der 60er Jahre in meiner Frankfurter Wohnung nahm, verbinde ich das intensivste und überwältigendste Glücksempfinden meines Lebens.»

Am 12. März 2011 befand sich Günter Amendt auf einem Gehweg im Hamburger Stadtteil Eppendorf, als er zusammen mit weiteren Personen von einem Auto erfasst wurde. Der Unfallverursacher litt an einem epileptischen Anfall und hatte bereits in der Vergangenheit mehrfach als Pkw-Fahrer Verkehrsunfälle produziert. Später wurde nachgewiesen, dass er am Vorabend Cannabis geraucht hatte. Ob dies eine Wechselwirkung mit seiner Medikation hervorgerufen hatte, ist unklar.

Der damals 71-jährige Günter Amendt sowie mehrere seiner Begleiter starben noch am Unfallort. Er hinterließ seinen Zwillingsbruder Gerhard Amendt sowie seine jüngere Schwester Doris Amendt-Gielau.

 

Ausgewählte Werke:

  • Haschisch und Sexualität. Eine empirische Untersuchung über die Sexualität Jugendlicher in der Drogensubkultur. Enke, Stuttgart 1974, ISBN 3-432-01836-3
  • Der große weiße Bluff. Die Drogenpolitik der USA. Eine Reportage. Konkret, Hamburg 1987, ISBN 3-922144-65-9
  • Die Droge – Der Staat – Der Tod. Auf dem Weg in die Drogengesellschaft. Rasch und Röhring, Hamburg 1992; Rowohlt, Reinbek 1996, ISBN 3-499-19942-4
  • XTC. Ecstasy und Co. Alles über Partydrogen. Rowohlt, Reinbek 1997, ISBN 3-499-60425-6
  • No Drugs – No Future. Drogen im Zeitalter der Globalisierung. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-203-75013-9
  • «Are You Experienced?» Erschienen in: Broeckers und Liggenstorfer – Albert Hofmann und die Entdeckung des LSD. Auf dem Weg nach Eleusis. AT Verlag, Baden, 2006, ISBN 3-03800-276-3
  • Die Legende vom LSD. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-86150-862-5
  • Legalisieren! Vorträge zur Drogenpolitik. Herausgegeben von Andreas Loebell. Rotpunktverlag, Zürich 2014 (mit beigelegter CD: Günter Amendt spricht), ISBN 978-3-85869-590-1

Dirk Netter