Die Kunst des Sehens

Der primäre Sinn des Menschen als Schlüssel zur psychedelischen Erfahrung

Mystic Water (Danie Arrhakis CC-BY-NC)

„We are all luminous beeings, why then do we not appear before each other radiant in our illumination?“ (McKenna 1991)

Der Akt des Schauens selbst, kann als äußerst psychedelische Angelegenheit gelten, ist er doch eine der grundlegenden Voraussetzungen für die Wahrnehmung unserer Welt. In „Lob des Schauens“  schreibt Albert Hofmann (2018) treffend:

„Denn ohne Schauen, ohne Wahrnehmung allgemein, gäbe es keine Schönheit, überhaupt keine menschliche Wirklichkeit. Die Welt ist so, wie man sie wahrnimmt und was man von ihr wahrnimmt. (…) Die Bedeutung des Schauens für unser Menschsein kann gar nicht überschätzt werden.“

Selten richtet der moderne Mensch seine Aufmerksamkeit auf seine eigene Wahrnehmung. Glaubt er doch meist, die Welt zu erfahren, „so wie sie ist“. Phänomene abseits der unmittelbaren menschlichen Sinne werden folglich nicht selten als unwichtig, oder gar unsinnig, abgetan.

Dennoch leben wir faktisch in einer Welt die gänzlich aus Energie besteht. Elektromagnetische Strahlung zwischen 380 und 720 Nanometern (nm), nehmen wir beispielsweise als Licht wahr, außerhalb dieses Spektrums brauchen wir Hilfsmittel, um diese „Realität“ für uns sichtbar zu machen.

Wenn uns also ein Gegenstand als rot erscheint, so geschieht dies nur in unserem Geist. Tatsächlich handelt es sich um ein Objekt, das lediglich die roten Anteile des Lichtes (625–720 nm) reflektiert, während die anderen Lichtanteile nicht von unserem Sehnerv verarbeitet werden. Erst der biologische Wahrnehmungsapparat und unser Bewusstsein erschaffen diesen Gegenstand, wie wir ihn sehen – dennoch ist dieser nicht weniger real.

Selten findet die Rolle des Bewusstseins beim „Sehvorgang“ Beachtung. Wenn eine Störung der Linse vorliegt, so wird eine Sehhilfe verschrieben, um dieses Symptom zu beseitigen, während die Ursache oft unangetastet bleibt.

In „The Art Of Seeing“ (dt. „Die Kunst des Sehens) beschreibt Aldous Huxley diese Problematik, wenn er sagt:

„Seitdem die Augenheilkunde eine Wissenschaft geworden ist, beschäftigen sich ihre Praktiker zwanghaft mit nur einem Aspekt des gesamten, komplexen Prozesses des Sehens – dem physiologischen. Sie haben ausschließlich auf die Augen geachtet, keineswegs auf den Geist, welcher sich der Augen bedient, um mit ihnen zu sehen“ (Huxley 1942: 10f).

Huxley erlitt im Alter von 16 Jahren eine schwere Form der Hornhautentzündung, die sein Sehvermögen dauerhaft beschädigen sollte. Er verblieb mit einem Auge, dass fähig war, Lichtverhältnisse wahrzunehmen und dem anderen, mit dem er unter Zuhilfenahme einer Lupe lesen konnte (dies erforderte, dass er sein „besseres Auge“ stets mit Atropin behandelte).

In der Hoffnung, seine Sehkraft erhalten zu können, entwickelte er verschiedene Techniken, um seine Augen und seinen Geist zu trainieren. Tatsächlich erreichte er ein enorm gesteigertes Sehvermögen und war schließlich dazu in der Lage, selbst ohne Brille ermüdungsfrei zu lesen (vgl. Huxley 1942: 10).

Ferner abseits der Augenheilkunde, lässt sich in verschiedenen mystisch-spirituellen Gedankensystemen die besondere Bedeutsamkeit der geistigen Haltung für die visuelle Wahrnehmung finden. So gilt die Technik des Sehens in den Werken Carlos Castanedas als eines der zentralen Konzepte für die Arbeit des Schamanen.

In Castanedas Gedankenwelt gehört es zum Wesen aller „belebten Energie“, das Universum in sensorische Daten zu übertragen. Diese Sinnesdaten werden dann in ein Interpretationssystem oder eine Taxonomie umgesetzt (Castaneda 2006: XVI).

Im Falle des Menschen ist diese Interpretation von Sinnesdaten unsere Kognition oder Alltagswahrnehmung (= Schauen). Wird diese Kognition, beispielsweise durch eine Meskalin-Zeremonie (mitote), zeitweilig unterbrochen, so sei es möglich, die im Universum fließende Energie direkt wahrzunehmen (= Sehen).

„Diese direkte Wahrnehmung von Energie [habe], wie die Zauberer es beschreiben, einen ähnlichen Effekt, als sähe man sie mit den Augen, obgleich die Augen nur eine minimale Rolle dabei spielen.“ (Castaneda 2006: X VII)

Menschen sähen demnach aus wie ein Geflecht aus leuchtenden Fasern, die ein Ei von der Größe eines menschlichen Torsos bilden. Da die meisten Menschen jedoch nur das Schauen gelernt hätten, wären sie üblicherweise nicht dazu imstande, ihre Mitmenschen als diese leuchtenden Wesen zu sehen (vgl. Castaneda 2007: 43).

Hat ein Mensch das Sehen erlernt, so erscheinen die Dinge nicht mehr statisch wie zuvor. So sähe man einen Menschen zwar stetig als „leuchtendes Ei“, jedoch sei diese Erscheinung unaufhörlich im Wandel (vgl. Castaneda 2007: 39f).

Diese Sichtweise ist eine Grundbeobachtung mystischer, psychedelischer und philosophischer Erfahrungen. Heraklitos von Ephesos, ein antiker Philosoph, wurde der Öffentlichkeit durch den Ausspruch „panta rhei“ (alles fließt) bekannt. Klarer wird diese Aussage in dieser Form:

„Alle Dinge sind in Bewegung und nichts steht still und du kannst nicht zweimal in den Gleichen Strom steigen“ (Original: πάντα χωρεῖ καὶ οὐδὲν μένει καὶ δὶς ἐς τὸν αὐτὸν ποταμὸν οὐκ ἂν ἐμβαίης).

Die Welt ist in ständiger Bewegung, Werden und Vergehen wechseln sich fortwährend ab. Der Strom ist ständig „im Fluss“, er symbolisiert fortwährende Veränderung – dennoch bleibt sein Wesen als „Fluss“ existent.

Eine ähnliche Symbolik findet sich im kosmischen Tanz des Nataraja, der den immerwährenden Prozess von Schöpfung, Zerstörung und Wiedererschaffung des Universums darstellt.

Der englische Dichter, Naturmystiker und Maler William Blake propagierte diese Sichtweise in einigen seiner Werke. In „The Marriage of Heaven and Hell“ (dt. Die Vermählung von Himmel und Hölle) findet sich das weitreichend bekannte Zitat:

„Würden die Pforten der Wahrnehmung gereinigt, erschiene den Menschen alles, wie es ist: unendlich.“ (Original: If the doors of perception were cleansed, every thing would appear to man as it is, infinite.)

Mit dieser Passage diente er unter anderem als Namensgeber für Huxleys psychonautischen Klassiker „Pforten der Wahrnehmung“ sowie für die Psychedelic-Rock-Band „The Doors“.

Wer bereits das Privileg hatte, eine mystisch-psychedelische Erfahrung in der freien Natur zu erleben, dürfte sich in den folgenden Beispielen von Blakes Poesie durchaus wiederfinden:

Auguries of Innocence (Ausschnitt)

To see a world in a grain of sand
And a Heaven in a wild flower,
Hold Infinity in the palm of your hand
And Eternity in an hour.

(Etwa:) Um die Welt in einem Sandkorn zu sehn
und den Himmel in einer wilden Blume,
halte die Unendlichkeit auf deiner flachen Hand
und die Stunde rückt in die Ewigkeit.

 

Visions of the Daughters of Albion (Ausschnitt)

Art thou a flower! Art though a nymph! I see thee now a flower;
Now a nymph! I dare not pluck thee from thy dewy bed!

The Golden nymph replied; pluck thou my flower Oothoon the mild
Another flower shall spring. because the soul of sweet delight
Can never pass away, she ceas’d & closed her golden shrine.

Bist du eine Pflanze! Bist du eine Nymphe! Ich seh‘ dich nun als Pflanze;
Bald als Nymphe! Ich wag‘ es nicht, dich dem taubefleckten Bette zu entpflücken.

Die güldne Nymphe sprach; pflück du meine Blüte nur, Oothon der sanfte
Eine andre wird erblüh’n. Denn der süßen Freude Seele,
Kann niemals vergeh’n, sprach sie & schloss den gülden Schrein.

Wie dieser Blick in die Poesie uns lehrt, können psychedelische Erfahrungen zu jeder Zeit und allerorts gemacht werden, wenn man (wieder-)erlernt die Wirklichkeit in seiner Unendlichkeit wahrzunehmen. Ob psychotrope Substanzen dabei zum Einsatz kommen, muss jedem selbst überlassen bleiben.

Bibliographie:

Castaneda, C. (2006): Die Lehren des Don Juan: Ein Yaqui-Weg des Wissens. Frankfurt am Main.

Castaneda, C. (2007): Eine andere Wirklichkeit: Neue Gespräche mit Don Juan. Frankfurt am Main.

Hofmann, A. (2018): Lob des Schauens.

Huxley, A. (1942): The Art of Seeing. Torn Pages.

McKenna, T. (1991): Unfolding the Stone / Empowering Hope in Dark Times (Vortrag). 17:37 – 17:52. Link: https://psychedelicsalon.com/podcast-211-empowering-hope-in-dark-times/

 

Dirk Netter