Weihnachtsmänner, Pilze und Coca Cola

Eine kulturgeschichtliche Betrachtung

An (oder kurz vor) Heiligabend kommt der Weihnachtsmann, das wissen alle Kinder. Er bringt Geschenke und schickt damit jeden jungen Menschen auf eine ekstatische Reise der Freude. Einen langen Weg hat er hinter sich, wenn er seinen dicken Körper durch den engen Kamin zwängt, denn er wohnt in den Nadelwäldern Lapplands. Also tatsächlich in einem der Länder, in dem der Fliegenpilzschamanismus sich verbreitete und bis heute teilweise praktiziert wird [1].

Auch in vielen anderen Teilen Europas und Eurasiens gibt und gab es Fliegenpilzkulte. Zum Beispiel essen sibirische Schamanen den Narrenschwamm, um in divinatorische Trance zu geraten, und dann mit Ahnen und Geistern in Kontakt zu treten [2]. Auch in Asien und Amerika hat der Fliegenpilz kulturellen Stellenwert, so z.B. in Japan als Gefäß des Geistes Tengu oder in Nordamerika, Mesoamerika und Peru, gebietsweise als Vermittler zur Unterwelt (Rätsch 1998: 635).

Bei uns in Deutschland gilt der Mückenschwamm [3] mittlerweile volkstümlich als Glückssymbol. Tischdekorationen, Schlüsselanhänger, Postkarten oder Marzipan aus der Sektion Fliegenpilz sind keine Seltenheit. Hier erschließt sich uns eine erste Parallele: Sowohl der Fliegenpilz als auch das Marzipan bringen uns Glück – genau wie der Weihnachtsmann seine Geschenke bringt, die uns glücklich machen. Das Motiv des roten, mit weißen Punkten gesprenkelten Hutes begegnet uns weltweit – ob als Zutat für einen Trank (in „Asterix und Obelix bei den Olympischen spielen“), den Methusalix, der Dorfälteste, zu brauen gedenkt (Rätsch 1998: 637), als Stärkung für den in Japan konzipierten roten Klempner Super Mario, der durch die Einnahme des Fungus an Körpergröße gewinnt,  oder auf CD-Covers für Psy-Trance-Platten (Rätsch: 1998: 637) – Amanita muscaria hat aufgrund seines diversen Vorkommens den Erdball erobert – zumindest (pop-)kulturell.

Viele werden sich fragen: Was haben Fliegenpilze mit Weihnachtsmännern zu tun? Dazu kommen wir später. Das Abbild des Weihnachtsmannes weist immerhin deutliche Analogien zum Aussehen des Fliegenpilzes auf. Ein weiteres Kuriosum: Auch Coca Cola hatte seine Finger mit im Spiel bei der Zeugung des modernen Bilds von Santa Claus, das jedem Kind des Westens sofort ins Gedächtnis springt, wenn es seinen Namen hört. Auch dazu später mehr.

Der österreichische Maler der Spätromantik, Moritz Schwind, entwarf das Urbild des Weihnachtsmannes, wie wir ihn kennen – mit einem langen Kapuzenmantel, dicken Stiefeln, einem großväterlichen Rauschebart und einem mit Kerzen geschmückten Christbaum in den Armen. Schwind taufte seine Nikolausfigur „Herr Winter“ und veröffentlichte seine schwarz-weiße Zeichnung 1847 im Münchener Bilderbogen [4]. Eine Legende war geboren.

Fliegenpilze (Amanita muscaria) in einem Garten. Foto: Duke of W4
Der Weihnachtsmann gilt als Schutzpatron und Beschenker aller Kinder (Bild: Public Domain)
Weihnachtspostkarte aus dem viktorianischen England (Bild: Public Domain)
Das Design des modernen Weihnachtsmanns ist stark beeinfluss von Moritz Schwinds Nikolausfigur "Herr Winter" (Bild: Public Domain)
Die rot-weiße Mütze des Weihnachtsmannes: Ein Fliegenpilzhut? (Bild: Public Domain)

Doch in wessen Auftrag ist er denn nun unterwegs, der gute Weihnachtsmann? Ist er etwa missionarisch tätig? Oder gar als Werbetreibender eines Riesenkonzerns? Laut den römisch-katholischen und orthodoxen Kirchen ist der Weihnachtsmann als Heiliger Nikolaus unterwegs – in Begleitung seines Gehilfen Knecht Ruprecht, der eine Rute und einen Sack mit sich führt. Nikolaus trägt stets Mitra und Stab und hat einen wuscheligen, langen, weißen Bart (Rätsch 2003: 36). Er ist Beschützer und Beschenker der Kinder (Rätsch 2003: 37).

Designer Harold Sundblom entwickelte die Form des modernen Weihnachtsmannes, wie wir ihn durch Coca Cola kennen: Er trägt einen wunderschönen, dicken Mantel in den Farben der Coca Cola Company. Christian Rätsch und Claudia Müller-Ebeling zitieren in ihrem Buch Weihnachtsbaum und Blütenwunder Tom Appleton, der Folgendes konstatiert:

„Erst im Jahr 1931 schuf der amerikanische Künstler Harold Sundblom das Image jenes Santa Claus, wie wir ihn heute von überall her kennen. Sundblom malte den Weihnachtsmann für die Werbung. Als fröhliche, dickliche Opagestalt in den Farben der Firma, die ihm den Auftrag dazu erteilt hatte – Coca Cola.“
– Tom Appleton: Der Schamane im Rentierschlitten. Universum Nr. 12, 2002.

Sunderblom war beeinflusst und inspiriert von den ihn umgebenden (mittel-)europäischen Volkssagen rund um den Nikolaus. Und so übernahm er immerhin auch einige Elemente alter holländischer, deutscher und schamanischer Traditionen in sein Design (Rätsch 2003: 38), beispielsweise den langen Rauschebart.

Zurück zu Amanita muscaria – dem Männlein, das im Walde stand, ganz still und stumm in purpurnem Mäntlein. Eines fällt uns ganz besonders ins Auge, wenn wir das Auftreten des Weihnachtsmannes mit der Erscheinung des Fliegenpilzes vergleichen: die Farbgebung. Beide tragen eine rote Mütze mit weißem Ornament. Doch noch mehr teilen sich beide, wie Christian Rätsch geschickt in seinem Werk Abgründige Weihnachten feststellt:

„Der Fliegenpilz erscheint nur einmal im Jahr, ebenso wie der Weihnachtsmann. […] Der Fliegenpilz wächst draußen, im Walde, wo auch der Weihnachtsmann herkommt. […] Richtig angewendet, schenkt der Fliegenpilz Glück, Freude, Zufriedenheit und Verzauberung. Alles Eigenschaften, die wir im Weihnachtsmann wiederfinden. […] Wird der Fliegenpilz unsachgemäß benutzt, kann er den Konsumenten mit Furcht und bedrohlichen Visionen bestrafen – ganz so, wie der Weihnachtsmann. Beide, der Fliegenpilz und der Weihnachtsmann, haben eine direkte Verbindung zur Anderswelt. In Fliegenpilzen wohnen die Wichtel, den Weihnachtsmann begleiten die rotmützigen Weihnachtswichtel. […] Der Fliegenpilz ist der Glückspilz schlechthin, und der Weihnachtsmann ist ein Beglücker der Menschen […] Deshalb gibt es in der Weihnachtszeit Marzipanleckereien in der Form eines Fliegenpilzes. Der Weihnachtsmann ist ein Fliegenpilz in Menschengestalt. […] [Er] trägt die beiden wichtigsten Farben des Schamanismus: Rot und Weiß. Und vereinigt somit die wichtigsten Kräfte des Universums: das Weibliche und das Männliche.“
– Christian Rätsch: Abgründige Weihnachten. Riemann Verlag, 2014 (Seiten 142 – 143, 146)

Wer weiß, vielleicht hatte auch der Designer des Schriftzuges der Coca Cola Company das Farbschema des Krötenstuhls vor Augen, als er das ikonische Cola-Logo entwarf?

Wer sich eingehend weiter über Fliegenpilze informieren möchte und sich für Kultur und Gebrauch des Narrenschwammes interessiert, dem empfehlen wir das Buch Der Fliegenpilz von Ethnologe und Psychotherapeut Wolfgang Bauer.

Wir wünschen euch einen beschaulichen Heiligabend und wohlige Weihnachten!

[1] Christian Rätsch: Abgründige Weihnachten. Riemann Verlag, 2014 (Seite 144).
[2] Christian Rätsch: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. AT Verlag, 1998 (Seite 634).
[3] Die Bezeichnung "Mückenschwamm" rührt von einem ursprünglichen Gebrauch des Pilzes als Pestizid her. Johannes Hartlieb, ein Arzt des 15. Jahrhunderts, beschrieb 1440 in seinem Kräuterbuch, dass das Beimischen des Fliegenpilzes zu Milch Mücken anlocke und töte, und daher mucken swamm genannt wird. Die Ausführungen Hartliebs zählen zu den ältesten Quellen, die namentlich den Fliegenpilz erwähnen (Rätsch 1998: 633).
[4] Christian Rätsch & Claudia Müller Ebeling: Weihnachtsbaum und Blütenwunder. AT Verlag, 2003 (Seiten 36 - 37).

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