Amerikanischer Hanfimperialismus

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Als ich vor rund 40 Jahren meinen ersten Joint rauchte, waren wir noch der Illusion verfallen, Kiffer wären bessere Menschen, würden die Welt positiv verändern und könnten dem Orwell­Jahr 1984 und der ‚Schönen Neuen Welt’ mit der totalen Überwachung die Stirn bieten und damit ökologische, politische und spirituelle Inputs für eine friedlichere Zukunft geben. Wie haben wir uns getäuscht! Wir werden rund um die Uhr überwacht, tragen den dazu nötigen Chip ständig mit uns und sehen überall die Welt kollabieren – und sie ist alles andere als friedlich.

Setzen wir uns dafür ein, dass Hanf in unserer Kultur bleibt.

«Legalize Marijuana» war mehr als eine politische Forderung, es war das Synonym für eine friedliche Revolution. Kiffen war eine Entscheidung für ein engagiertes Leben. Umweltschutz und ein gewaltloses Zusammenleben lagen uns am Herzen, der Militärdienst wurde verweigert. Die USA, die damals den ‚War on Drugs’ ausriefen, sind seit ein paar Jahren ein mächtiger Promoter für die Legalisierung von Hanf und ermöglichen vielversprechende Forschungen mit MDMA und anderen Psychoaktiva im medizinischen Bereich (notabene um kriegsgeschädigte Soldaten zu heilen). Die Kommerzialisierung treibt ihre eigenen Blüten: Investoren, die vor Jahren im Prohibitionslager zuhause waren, wechseln die Seite – mit hanfgrünen Dollarzeichen in den Pupillen. Hanf ist längst zu einem Wirtschaftsfaktor geworden. Die Schweizer Handelszeitung vom 30. März 2017 zeigte unter dem Titel «Geld mit Gras: So profitieren Anleger vom Hanfboom» die Börsenkurse der wichtigsten amerikanischen und kanadischen Firmen.

Wären nicht andere Wege erstrebenswert als die totale Kommerzialisierung? Wieso überlassen wir das Feld denen, die uns vor kurzem noch verfolgt haben? Monsanto & Co. sind längst in den Startlöchern. Patentierte Hanfsamen sind kein Fremdwort mehr. Die meisten Hanffirmen an den Börsen kommen aus Kanada und den USA, ebenso wie viele der medizinischen Hanfprodukte hierzulande. Der Hanfimperialismus wird sich 2018 mit der Legalisierung in Kanada noch intensivieren. Er zeigt sich bei uns an den Messen von kommerziellen US­amerikanischen Veranstaltern (International Cannabis Business Conference im April 2017 in Berlin), an Hanf­Heilsversprechern wie dem Kanadier Rick Simpson (siehe Seite 95) und an der Vielzahl an neuen, nicht immer notwendigen Hanfprodukten.

Um dieser Tendenz entgegenzuwirken, können wir uns organisieren und uns das große Stück vom Hanfkuchen abschneiden, das uns zusteht. Lange waren die holländischen Coffeeshops das Vorzeigebeispiel für einen regulierten Verkauf von berauschenden Hanfprodukten. Vor einigen Jahren sind Cannabis Social Clubs (CSC) entstanden; sie erfreuen sich seither großer Beliebtheit und sind in Spanien zum Beispiel weitgehend toleriert.

Auch Genossenschaften sind ein gutes Modell, um das Hanfgeschäft nicht den Multis zu überlassen. Den Eigenanbau von Hanf dürfen wir nicht aus den Händen geben – er muss in unserem Garten, auf unserem Balkon bleiben, und dass er für den Eigenkonsum längst erlaubt sein sollte, versteht sich von selbst. Setzen wir uns also dafür ein, dass Hanf in unserer Kultur bleibt – im doppelten Sinne.

Vielleicht hat Hanf trotzdem durchaus das Potenzial, die Welt zu verändern – als Nutz­ oder als Medizinalpfanze. Tatsächlich ist es nicht egal, mit welchen psychoaktiven Genussmitteln sich der Mensch berauscht. Alle Substanzen besitzen einen Heil­, einen Genuss­ oder einen Suchtfaktor. Wir selbst entscheiden, wie wir sie einsetzen und wie sie unsere Weltanschauung, abgesehen vom Spaßfaktor, positiv beeinfussen – und ob wir etwas Sinn volles daraus machen. Wer weiß, vielleicht waren die bekifften Ideen in unserer Jugend ja doch nicht so verkehrt.

Roger Liggenstorfer, Herausgeber